Kraft der Musik - musikalische Impulse, gespielt von Rainer Scheibe solo oder gemeinsam mit Organistinnen und Organisten

Rainer Scheibe, Leiter des Posaunenchores Bimetall

Bild: Fritz-Wicho Herrmann-Kümper

"Dass wir untereinander Verbindendes erleben, auch wenn unsere Kirchen und Gemeindehäuser geschlossen sind - mit dieser Absicht hat Rainer Scheibe, Gemeindemitglied, Trompeter und Leiter unseres Posaunenchores "Bimetall", gelegentlich solo und meist gemeinsam mit der Organistin Hannelore Heinsen oder manchmal mit den Organisten Gerald Gatawis oder Christoph Brauckmann Musik für uns eingespielt, die Sie hier hören können. Wir ergänzen die musikalischen Impulse - beginnend Palmsonntag 2020 und dann einmal durch das Kirchenjahr - nach und nach." - so schrieben wir Palmsonntag 2020, in einer frühen Phase der Corona-Pandemie. Palmsonntag 2021 endete das Projekt in dieser Form. Wie es weitergeht (wir nennen es "Phase 2"), finden Sie hier.

Kraft der Musik: Akteure treffen sich zum Abschluss von "Phase1"

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Anmerkungen zur Kirchenmusik

“Kraft der Musik”

Unter dieser Überschrift konnte man wöchentlich Choräle und andere kurze Musikimpulse abrufen, die Rainer Scheibe im Zusammenspiel mit verschiedenen Organisten oder auch solistisch auf die Homepage der Ev. Kirchengemeinde Bochum ab März 2020 gestellt hat.
Da die meisten Aufnahmen mit Orgel in der Bartholomäus-Kirche Dortmund-Lütgendortmund entstanden sind, konnte man sie auch auf der Seite der Ev. Christus-Kirchengemeinde Dortmund hören.

“Kraft der Musik” beinhaltet aber auch kraftvolle und aufbauende Worte: Peter Welge hat auf der Bochumer Seite die gesamte Reihe mit Texten begleitet. Die Leserin, der Leser erhalten in feinsinniger, teils aber auch humoriger oder tiefsinniger Form persönliche Überlegungen des Verfassers zu den Melodien und textlichen Grundlagen der Lieder und der anderen Musikstücke. Peter Welge zieht ausgehend von den alten Choraltexten Parallelen zur aktuellen Lage während Corona-Pandemie 2020 und 2021.

So gelingt ihm mit Persönlichen Worten nicht nur ein informativer Gang durch die Musik und die Texte zum Kirchenjahr, an dem sich die eingespielten Stücke orientieren, sondern auch ein Zeitdokument, das kleine Lebenshilfen und Alltagsfluchten während der Pandemie anbietet.  Das ist auch die Intention der Musikeinspielungen.

Manchmal fordert er sogar zum Aktivwerden, zum Tanzen oder Mitsingen auf (etwa am Sonntag Jubilate), manchmal eröffnen seine Worte Wege zu einer beruhigenden und reflektierenden Meditation von Musik, Text, inhaltlichen und persönlichen Fragen.
Peter Welges Texten in ihrem Facettenreichtum ist es zu verdanken, dass die Musik noch bewusster gehört und tiefer erlebt werden kann, dass man aber auch über den blau-weißen Wetterbericht aus Bochum (Sonntag Estomihi 2021) schmunzeln darf.

Es wäre schade, wenn diese Texte nach Beendigung der Musikreihe im Internet-Nirwana verschwänden. Darum hat Ulrich Steier die Texte gesammelt und das Kirchenjahr begleitend geordnet. Heike Gürtler hat von Hand ein halbes Dutzend Bücher daraus gebunden. Die Ev. Kirchengemeinde Bochum übernahm die Finanzierung.

Im Rahmen einer kleinen musikalischen Feierstunde am 25. April 2021 im Q1 in Bochum-Stahlhausen wurden die Bücher präsentiert und Peter Welge sowie den weiteren Beteiligten des Projekts überreicht.
So bleiben die Persönlichen Worte als tröstendes und ermutigendes Dokument für die Zeit von März 2020 bis April 2021 erhalten.

Vielen Dank, lieber Peter!

Hannelore Heinsen, Rainer Scheibe, Holger Nollmann
Dortmund / Bochum, im Frühling 2021

Die Worte zur Musik - jetzt als handwerklich gebundenes Buch? Peter Welge ist überrascht und gerührt (Foto: Dorothee Schäfer)

Von links nach rechts: Pfarrer i. R. Ulrich Steier (hat aus den Worten zur Musik ein Buch gesetzt), Hannelore Heinsen (Organistin, tragende Säule des Projekts), Pfarrer Holger Nollmann (Möglichmacher und Motivator, Evangelische Kirchengemeinde Bochum), Peter Welge (Worte zur Musik und Webmaster), Rainer Scheibe (Trompeter, Initiator und ebenfalls tragende Säule, treibende Kraft, Tontechniker, Filmer und vieles mehr). Foto: Dorothee Schäfer (die wir auch gerne auf dem Bild gehabt hätten.


Kraft der Musik: Auf zu neuen Ufern

"Thank you for the music" - mit den Worten eines Ohrwurms von ABBA (1977) bedanken wir uns bei Rainer Scheibe (Trompete) und Hannelore Heinsen (Orgel) für die inspirierende musikalische Begleitung durch ein komplettes Kirchenjahr. Wir konnten überwiegend nicht in Präsenz zusammenkommen und nur selten Live-Musik in unseren Kirchen hören. Da haben Hannelore Heinsen und Rainer Scheibe uns die Musik einfach nach Hause gebracht: Sonntag für Sonntag, Feiertag für Feiertag. Passend zu den jeweiligen Themen des Kirchenjahres, Choräle und gelegentlich auch weltliche Stücke, engagiert und inspirierend eingespielt. Das alleine ist schon ein großes Projekt. Hinzu kommt die Organisation mit Treffen in Dortmund für Proben und Einspielungen, digitale Nachbearbeitung und Zurverfügungstellung für unsere Webseite. Dieses Projekt tritt nun nach einem Jahr in ein neue Phase. Rainer Scheibe und Hannelore Heinsen haben jetzt vor:
- mehr Literaturwerke der Kirchenmusik,
- Video statt Audio
- die Clips stehen auf YouTube und sind auf unserer Webseite sichtbar,
- statt wöchentlich zukünftig in lockerem, monatlichen Rhythmus (Start am Karfreitag, 1.4.2021 mit dem zweiten Satz aus Albinonis Oboenkonzert).

Hannelore Heinsen (rechts) und Rainer Scheibe (links). Foto: Wicho Hermann-Kümper.


Musik zum Palmsonntag (28.3.2021): "Tochter Zion" (eg 13)

"Tochter Zion" - ein Adventslied an Palmsonntag? Ein Irrtum? Nein: Ursprünglich war "Tochter Zion" sogar für Palmsonntag gedacht. Aber der Reihe nach: Georg Friedrich Händel komponierte den Chorsatz 1747 für das biblische Oratorium "Joshua" und übernahm ihn auch 1751 in das Oratorium "Judas Maccabäus". Der evangelische Theologe Friedrich Heinrich Ranke dichtete 1820 einen Text zur Melodie von Händel, dessen erste Strophe sich auf den Propheten Sachaja (9,9 Lutherbibel) bezieht. 1826 wurde diese Fassung in einer christlichen Liedersammlung unter der Überschrift "Am Palmsonntage" veröffentlicht. Palmsonntag: Jesus zieht wie ein König in Jerusalem ein und wird von den Menschen mit Palmzweigen begrüßt: "Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!" (Joh 12, 13). Aber ein merkwürdiger König: Nicht mit großem Glanz und einer Armee im Rücken, auf einem prächtigen Schlachtross, sondern auf dem Rücken eines Esels, ganz entsprechend den Worten Sacharjas - eben keine Machtdemonstration, sondern ein Friedefürst (Strophe 1) bzw. Friedenskönig (Sacharja). Das verbindet also Palmsonntag in der vorösterlichen Zeit und Advent vor Weihnachten: Die Vorfreude auf das Kommen eines Königs, dessen Botschaft der Friede ist. Gelegentlich heißt Palmsonntag auch "der kleine Advent". Adventus ist historisch die Ankunft eines Herrschers. - Jetzt sind wir in der Passionszeit und haben auch im Blick, wie schnell sich das "Hosianna!" in das "Kreuziget ihn!" verwandelt hat.

Falls Sie auf die Einspielung von Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete) erst nach Palmsonntag stossen: Auch gut! In vielen Ländern (ausgehend von Frankreich, aber auch in England und den skandinavischen Ländern) wird ein Osterlied auf diese Melodie gesungen. (Nebenbei: Wikipedia weiß, dass die Melodie angeblich auch zu Karneval und auf Schützenfesten erklingt.) "Tochter Zion" steht im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 13, im katholischen Gotteslob unter Nr. 228. Text und Melodie finden Sie hier. [PW 28.3.2021]


Musik zum Sonntag Judika (21.3.2021) "Holz auf Jesu Schulter" (eg 389)

"Holz auf Jesu Schulter" - der Text dieses Liedes stammt von dem Theologen, Pfarrer, Kirchenlieddichter  und -übersetzer Jürgen Henkys,  der viele berührende Liedübertragungen aus dem Niederländischen, dem Englischen und Norwegischen zu unserem Gesangbuch beigetragen hat. Er hat das niederländische Lied "Met de boom des levens" von Willem Barnard aus dem Jahr 1963 kongenial übersetzt bzw. übertragen. Die Melodie stammt von dem belgischen Musiker und Theologen Ignace de Sutter (1964) und ist Ergebnis eines Wettbewerbs. Indem de Sutter im Kehrvers den Anfang des  Kyrie aus der gregorianischen Messe "Orbis factor" (Schöpfer des Universums) aufnimmt, spannt er musikalisch einen Bogen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Danke an Hannelore Heinsen und Rainer Scheibe, die die Stimmung des letzten Weges Jesu in ihrer Musik durchscheinen lassen - mit der einsamen Trompetenstimme in der ersten Strophe und der zweiten ruhigen dunklen  Orgelstrophe mit liegendem Basston. Trauer und Trost: Musik sagt mehr als Worte.

"Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.", heißt es in der ersten und ähnlich in der letzten Strophe. Baum des Lebens? Wir erinnern uns an den Anfang der Bibel (1. Mose 1 und 2): Gott setzte Adam und Eva ins Paradies, gab ihnen den Garten Eden zum bebauen und bewahren und die Früchte der Bäume zum essen, verbot aber, vom Baum der Erkenntnis (des Bösen und Guten) und vom Baum des Lebens zu essen. Adam und Eva aßen trotzdem vom Baum der Erkenntnis und wurden aus dem Paradies verwiesen, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und "ewiglich leben" (1. Mose 3,22). Ausgerechnet das Holz des Kreuzes, Symbol eines nicht nur sehr quälenden, sondern auch sehr schändlichen Todes, ist (soll?) uns nun zum Baum des Lebens geworden (werden)? Weitergedacht würde das bedeuten: Jesus schließt uns auf diese Weise das verlorengegangene Paradies wieder auf - "ewiglich Leben" mag man hier als "Leben bei Gott" verstehen. Das ist ein starkes Bild. Wie weit mögen wir dieser Verwandlung vom "Holz auf Jesu Schulter" zum "Baum des Lebens" vertrauen? Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern im Tod und darüber hinaus Gott bei uns ist - wie es in Jesu Auferstehung zu Ostern sichtbar wird? "Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn", heißt es im Kehrvers. Überlass uns nicht dem Tod! Kyrie eleison! Herr erbarme dich!

Liebe katholische Geschwister, im Gotteslob findet Ihr das Lied unter Nr. 291! Ein niederländisch-katholisches Lied, über einen evangelischen Theologen ins katholische Gotteslob gelangt: Ein schönes Zeichen ökumenischer Verbundenheit! [PW 21.3.2021]

Musik zum Sonntag Lätare (14.3.2021): "Jesu, meine Freude" (eg 396)

"Jesu, meine Freude" (eg 396) ist ein Wochenlied für den heutigen Sonntag Lätare, den  4. Sonntag der Passionszeit. Der Text von Johann Franck, geschrieben im Jahr 1645 geht auf das weltliche Liebeslied "Flora, meine Freude, / meiner Seelen Weide, / meine ganze Ruh …" des Königsburger Domorganisten Heinrich Albert von 1645 zurück. Wieder eine Kontrafaktur (Unterlegung eines weltlichen Liedes mit einem geistlichen Text) in unserem kleinen Trompeten-und-Orgel-Blog. Und das war damals, vor über 350 Jahren, völlig ok. Bei Franck wurde daraus: "Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier." Franck wurde in Guben 1618, direkt zu Beginn des dreißigjährigen Krieges geboren, der unendlich viel Leid und unendlich viel Tote zur Folge hatte. Franck war Rechtsanwalt, wurde 1648 (im letzten Kriegsjahr) Ratsherr und 1651 Bürgermeister in Guben - in Verantwortung, damit Menschen ihr Leben wieder aufbauen konnten.  Er, der kein Dichter im Hauptberuf war, sagte einmal: „Die Poesie ist eine Säugamme der Frömmigkeit, eine Mehrerin der Fröhlichkeit und eine Verstörerin der Traurigkeit.“ Solche Poesie können wir auch heute brauchen, einer Zeit, die vor Fröhlichkeit und Zuversicht nicht gerade überquillt. Die Lebenswelt und manche Bilder des Chorals sind mit der zeitgenössischen Frömmigkeit des 17. Jahrhunderts verbunden und könnten uns und Ihnen fremd sein. Vielleicht lassen Sie sich trotz dieser Fremdheit von der Freude dieses Stückes  mitreißen? Eine wirklich inspirierende und lesenswerte geistliche Auslegung und Einbettung dieses Liedes in seine Zeit finden Sie in einer Predigt von Harald Storz vom Sonntag Lätare 2006. Johann Crüger hat die Melodie geschrieben und 1653 in einem Gesangbuch veröffentlicht. Johann Sebastian Bach schuf daraus (unterbrochen von Texten aus dem Römerbrief) eine fünfstimmige geistliche Motette (BWV 227), die sicher zu den bekanntesten Werken Bachs zählte. In unserer Einspielung von Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete) können sie den im Text angelegten Gegensatz zwischen der bedrohlichen Welt (hören Sie das Toben und Brummen der Welt in der Orgelpassage?) und dem Beistand durch Jesus förmlich nachspüren. [PW 12.3.2021]


Musik zum Sonntag Okuli (21.2.2021) "Ein reines Herz, Herr, schaff in mir" (eg 389)

"Ein reines Herz, Herr, schaff in mir" (Evangelisches Gesangbuch (eg) Nr. 389) - der Text aus dem Jahr 1703 stammt von Heinrich Georg Neuß, Kirchenlieddichter und Pastor. Die Melodie stammt vom Lied "O Jesu Christe, wahres Licht" (eg 72), als Herkunft wird dort Nürnberg 1676/1854 angegeben. Der Text bezieht sich auf Psalm 51 (Lutherbibel 2017 | Basisbibel), insbesondere Vers 12 (Aktuelle Luther-Übersetzung: "Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist."). Der Psalm wird König David zugeschrieben, und zwar der Situation, als ihn der Prophet Nathan zur Rede stellt, weil David Ehebruch mit der Frau eines seiner Soldaten begangen hatte. In Vers 5 des Psalms wird deutlich, dass David seine Missetat bewusst ist. Intuitiv ist die Bitte um ein reines Herz und einen neuen beständigen Geist sofort verständlich. Aber auch wenn das nicht Ihre und unsere Situation ist: Vielleicht kann das Lied trotzdem einige "Sonntagsgedanken" anstoßen. Die erste Strophe lautet: "Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh." - "Sünde", so meinte vor vielen Jahren der Pastor im Konfi-Unterricht, "ist das, was uns von Gott trennt" und prägte uns als Gedankenstütze ein: "wie Sund = Meerenge!". Dieser Gedanke weitergesponnen: Das, was uns von Gott trennt, ist oft das, was uns auch von den Menschen um uns herum trennt - und manchmal trennt dieser "Sund" uns auch von den Zugängen zu unserem eigenen Inneren, zu unserer - wenn Sie mögen - "Seele": Das, was uns an uns selber nervt und uns unruhig, unsicher, manchmal auch aggressiv macht. Oder in der Sprache des Liedes: Was unser Herz unruhig macht. Um zu diesen versteckten und manchmal verdrängten und unbekannten Regionen Zugang zu bekommen, müssten wir - wieder in der Sprache des Liedes - unser Herz öffnen. Wer kann das? Wie finden wir den Zugang? Wem möchten/können Sie ihr Herz bzw. ihre inneren Türen öffnen? (Nochmal Querverweis zu Psalm 51,8 in der Übersetzung der Basisbibel: "Ja, du hast Gefallen an der Wahrheit, die ein Mensch in seinem Inneren sucht."). Der Lieddichter beginnt die zweite Strophe: "Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir." - Aber im Choral geht es nicht nur um die inneren Dunkelheiten (in der alten Sprache: "Unreinigkeit"en), sondern der Lieddichter bittet (Strophe 3):  "Lass deines guten Geistes Licht und dein hell glänzend Angesicht erleuchten mein Herz und Gemüt, o Brunnen unerschöpfter Güt." Auch wenn der Wetterbericht für Bochum für Sonntag Hochnebel und Wolkenfelder voraussagt, vielleicht kann uns die Sonne dazwischen einen kleinen gefühlten Vorschein auf des "guten Geistes Licht" ermöglichen? [PW 7.3.2021]

Musik zum Sonntag Reminiszere (28.2.2021): "Das Kreuz ist aufgerichtet" (eg 94)

"Das Kreuz ist aufgerichtet" (eg 94) ist das vorgesehene Wochenlied für den heutigen Sonntag Reminiszere, den  2. Sonntag der Passionszeit. Aber schon vom Titel her blickt es weit voraus bis zum Karfreitag zur Kreuzigung Jesu.  Der Text (aus Urheberrechtsgründen nicht separat im Netz) aus dem Jahr 1967 stammt von Kurt Ihlenfeld (1901-1972, Wikipedia, Würdigung und Lebenslauf von Hans-Joachim Beskow), einem promovierten Theologen, Pfarrer und Schriftsteller (Fontane-Preis 1952 für "Wintergewitter").  Ihlenfeld gründete den sogenannten  Eckart-Kreis als geistliches Zentrum gegen den Nationalsozialismus, in dem junge christliche Autorinnen und Autoren wie z.B. Werner Bergengruen, Ricarda Huch und Jochen Klepper aktiv waren.  Die Melodie hat Manfred Schlenker 1977 geschrieben. Er war ein bekannter Kirchenmusiker in der früheren DDR und lange Zeit Kantor am Dom zu Greifswald. Wenn Sie in die Einspielung von Hannelore Heinsen und Rainer Scheibe hereinhören, werden Sie bestätigen können: Leicht zu singen ist das nicht. Rainer Scheibe schrieb uns: "Nr. 94 gilt als das 'Lied ohne Tonart' ".  Aber wunderschön zu hören. Und spannend und bedeutungsschwanger ist diese Melodie: Martin Dubberke hat vor drei Tagen eine Predigt über dieses Lied ins Netz gestellt, in der er darlegt, wie genau die Melodie die Bedeutung des Textes aufgreift, bis hin zur symbolischen Bedeutung einzelner Töne und sogar musikalischer Vorzeichen. - Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu für uns/die Menschen/ die Erde ist - wie schon der Titel nahelegt - Thema dieses Liedes. Christliche Kreuzestheologie bewegte sich von biblischen Zeiten bis zu ganz aktuellen Debatten der letzten Jahre in einem Feld mannigfaltiger Deutungsmöglichkeiten, manche auch verkürzt und verzerrt - ein Thema,  viel zu umfangreich für diese kleinen Liedgedanken. Was aber im Lied als Essenz deutlich wird (5. Strophe): "Wir sind nicht mehr Knechte [und Mägde, die Redaktion] der alten Todesmächte und ihrer Tyrannei". [PW 28.2.2021]

Der Text dieses Liedes kann auch zur "wesentlich singbareren und auch versöhnlicheren" (Rainer Scheibe) Melodie von "O Welt, ich muss dich lassen" (eg 521) gesungen werden. Diese geht auf Heinrich Isaac zurück, der sie im 15. Jahrhundert erschuf, damals aber für das weltliche Lied "Innsbruck, ich muss dich lassen" - das Paradebeispiel für das, was die Musikwissenschaft "Kontrafaktur" nennt:  Die Unterlegung eines weltlichen Liedes mit einem geistlichen Text. Den Begleitsatz hat übrigens hier auch Manfred Schlenker (siehe oben) geschrieben.  Dank an Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete), die uns für heute beide Melodien eingespielt haben. [PW 28.2.2021]


Musik zum Sonntag Invocavit (21.2.2021) "Ach bleib mit deiner Gnade" (eg 347)

"Ach bleib mit deiner Gnade bei uns. Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List" - ja, dieser Stoßseufzer mag tief aus dem Herzen kommen. Und eigentlich muss niemand erläutern, was viele von uns als "bösen Feind" vor Augen haben: Das Virus. Gesundheitliche Risiken, wirtschaftliche Bedrohung, vielleicht persönliche Not und immer spürbarer werdende Spaltungen in der Gesellschaft - und wenig Perspektiven.
Als Josua Stegmann, lutherischer Theologe und damals Professor an der Universität Rinteln den Text 1627 schrieb (Text), war die Stadt vier Jahre zuvor von Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig-Lüneburg überfallen, geplündert und ein halbes Jahr besetzt worden. Zusätzlich herrschte die Pest. Trost spenden in schwerer Zeit - das sollte das Lied schon damals. Kann es das heute auch? Der in jeder Strophe wiederkehrende Text "Ach bleib ... bei uns" greift ein Zitat der Emmausgeschichte (Lutherbibel; BasisBibel; ggf. etwas nach unten scrollen) auf: "Bleibe bei uns; denn es will Abend werden". Die Emmausjünger, nach dem Tod Jesu traurig und am Boden zerstört, lassen sich auf dem Weg nach Emmaus von einem Fremden, den sie erst später als Jesus erkennen, die Wirklichkeit deuten, sodass Perspektiven, Zuversicht und Hoffnung möglich werden.   
"Ach bleib mit deiner Gnade" (Wikipedia) steht im Evangelischen Gesangbuch (eg) unter Nr. 347, im katholischen Gotteslob (GL) unter Nr. 436. Es ist auch das Wochenlied für den heutigen Sonntag Invokavit. Die Melodie von Melchior Vulpius stammt vom Lied "Christus, der ist mein Leben" (eg 516, GL 507) und passt auch zu "Nun schreib ins Buch des Lebens" (eg 207) und "Beim letzten Abendmahle" (GL 282).  [PW 21.2.2021]

Musik zum Sonntag Estomihi (14.2.2021): "Winter Wonderland"

... heute morgen tauchte aus dem langsam tauenden Schnee doch noch ein Stück auf, das Rainer Scheibe per Brieftaube schnell an die Webredaktion schickte: "Winterwonderland", komponiert von Felix Bernhard (1897-1944), mit Text von Richard B. Smith (1901-1935). Winterwonderland, ein weltlicher Song, passend zum blauen sonnigen Himmel und weißen Schnee: "Blau-weiß: die Natur zeigt sich heute in den Bochumer Stadtfarben und lockt uns nach draußen", sagte sinngemäß eben Pfarrer Holger Nollmann in der Begrüßung zum Zoom-Gottesdienst unserer Gemeinde. So wie der Schnee unsere Schritte dämpft, entlockt Rainer Scheibe seiner Trompete diesmal besondere gedämpfte Klänge. Und Hannelore Heinsen begleitet in diesmal am Piano. Nehmen Sie etwas mit von der beschwingten Leichtigkeit dieses Songs - in den Tag und in die Woche! [PW 14.2.2021]


Musik zum Sonntag Sexagesimä (7.2.2021) "Komm, o komm, du Geist des Lebens" (eg 134) oder "Liebe, die du mich zum Bilde" (eg 401)

"Komm, o komm, du Geist des Lebens" (eg 134) oder "Liebe, die du mich zum Bilde" (eg 401) - Sie haben die Wahl! Denn die Melodie, die Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete) eingespielt haben, findet sich im Evangelischen Gesangbuch für zwei Lieder. "Wieso oder? Und!!!" schrieb Pfarrer Holger Nollmann dazu. Also doppelte Dosis Text zum Hineinhören und -denken!

"Komm, o komm, du Geist des Lebens" (Text Heinrich Held 1658) ist offensichtlich ein Pfingstlied. Der Wunsch nach dem guten Geist Gottes ist aber sicher nicht auf Pfingsten beschränkt, sondern gilt auch jetzt, in diesen wilden Zeiten, wo die Orientierung in der Corona-Krise manchmal schwierig ist. "Gib in unser Herz und Sinnen / Weisheit, Rat, Verstand und Zucht, / daß wir anders nichts beginnen / als nur, was dein Wille sucht; / dein Erkenntnis werde groß / und mach uns von Irrtum los", so in Strophe zwei. Da muss man gar nicht groß aktualisieren aus der Zeit vor über 450 Jahren, in den Wirren von Reformation und Gegenreformation (Heinrich Held musste mehrfach fliehen), nach Ende des dreissigjährigen Krieges, auf die zerbrechliche Situation heute: Der Text spricht für sich. Vielleicht spricht Ihnen auch Strophe 5 mitten im Lockdown aus dem Herzen? "Wird uns auch nach Troste bange, / daß das Herz oft rufen muß: / 'Ach, mein Gott, mein Gott, wie lange?' / o so mache den Beschluß; / sprich der Seele tröstlich zu / und gib Mut, Geduld und Ruh."

"Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht" - der Text stammt aus der gleichen Zeit wie "Komm, o komm, du Geist des Lebens", nämlich aus dem Jahr 1657. Im Gesangbuch steht Johann Scheffler als Textdichter. Vielleicht kennen Sie ihn besser unter dem Namen Angelus Silesius. So nannte er sich nach seiner Konversion zum Katholizismus. Scheffler / Silesius - eine mindestens zwiespältige, aber spannende Persönlichkeit (Wikipedia). Innig dichtete er von der Liebe, verfasste auch fanatische Hassschriften gegen die "lutherischen Ketzer". "Liebe, die du ..." - ein geistliches Liebeslied, ein Lied mystischer Frömmigkeit - und in der Tat wurde der Text inspiriert durch ein weltliches Lied über einen Liebenden. Liebe - hier fast ein "Kosename" für Gott: Für die Mystiker war die Erfahrung Gottes wichtig. Das Bild der Vereinigung zwischen der (als weiblich gedachten) Seele und Gott spielte eine große Rolle im mystischen Denken. Egal, wie man zur (christlichen) Mystik steht: Der Kehrvers "Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich" klingt nach einem ziemlich klasse Programm - für heute, morgen, immer.

Viele Worte zu den Texten - aber wenn Sie unten den Abspielknopf anklicken, hören Sie ("nur") die Musik. Manfed Rekowski, dem wir schon in der letzten Woche Inspiration verdankten, schrieb in einer Choralpredigt  im WDR 2014: "Auch in der Melodie, die aus dem letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts stammt, wird deutlich: Es herrscht eine dramatische Grundstimmung: ein großer Tonumfang erzeugt das Gefühl von weiten Räumen, großen Bewegungen, höchster Unruhe. Es gibt große Intervallsprünge, die immer wieder zurück zum Grundton kehren. Diese Melodie malt die Höhen und Tiefen im Leben nach. Und sie werden immer wieder zur Ruhe gebracht. Im ersten Teil jeder Strophe öffnen große Sprünge – aufwärts und abwärts – den Raum, im zweiten Teil der Strophe folgt eine ruhige, gegenläufig angelegte Melodie." - In diesem Sinne wünschen wir Ihnen "Mut, Geduld und Ruh" in den Sprüngen, die das Leben macht. [PW 7.2.2021]

Musik zum letzten Sonntag nach Epiphanias (31.1.2021): "Auf Seele, Gott zu loben" (eg 690))

"Auf Seele, Gott zu loben" - der Titel ist Programm für dieses Lied. Es steht im Evangelischen Gesangbuch - sogar mit vierstimmigem Satz - unter Nr. 690. Die Melodie stammt aus dem Jahr 1575 von Johann Steuerlein, sie wurde - in vereinfachter Form - ebenfalls für das Lied "Wie lieblich ist der Maien" (eg 501) verwendet. Der Text stammt von Martha Müller-Zitzke (1899-1972), die in diesem Lied Psalm 104, einen Schöpfungspsalm, nachdichtet (Psalm 104 in der aktuellen Lutherübersetzung; in der brandneuen Basisbibel). Die Psalmen stammen aus der jüdischen Liturgie und Tradition. Mit ihren Worten bringen Menschen aller Zeiten Klage und Freude, Dank und Bitte vor Gott. In Psalm 104 geht es um die schöne Schöpfung Gottes und seine Natur: Erde, Himmel, Berge, Täler, Flüsse, Meer, Tiere (allerdings in einer Bildsprache, wie man sich im alten Orient die Welt vorstellte). Und um Gott als König. Und den Dank.
    
Im Lob der Schöpfung der Lobpreis für den Schöpfer - passt das in eine Zeit, in der uns die Schöpfung in Form eines aus der Tierwelt auf den Menschen übergesprungenen hartnäckigen Virus gefährlich auf die Pelle rückt? Auch als Martha Müller-Zitzke dieses Lied dichtete, 1947, waren es keine rosigen Zeiten: Die Städte waren noch voller Trümmer und Ruinen, vielerorts herrschte Hunger, die Seelen vieler Menschen waren verletzt. Das Lied verdrängt die damaligen und heutigen Erfahrungen nicht. "Oft sind es gerade schwere Zeiten, die fröhliche Lieder hervorbringen.", schreibt Klaus Nagorni in seiner Liedpredigt. Vielleicht kann uns und Sie das Lied ermuntern, durch die trübe Situation, die uns allen vor Augen steht, hindurchzublicken, über unsere eigene  Perspektive hinaus, auf die Vielfalt und Großartigkeit der Schöpfung, die auch jetzt sichtbar ist. Und es kann entlasten, uns selber nicht als Mittelpunkt der Welt sehen zu müssen. Wenn die Worte des Liedes /des Psalms nicht reichen: Vielleicht lassen Sie sich von der fröhlich-schwungvollen Melodie mitreißen! Der Autor dieser Zeilen hat jedenfalls gerade einen Ohrwurm :-)

P.S.: Internet ist VerNETZung. Wenn Sie jetzt noch wissen wollen, was dies Lied mit "auf dem Teppich bleiben" zu tun hat, lesen Sie die Choralpredigt von Manfred Rekowski, noch bis März 2021 Präses unserer rheinischen Schwesterkirche. Was Lied und Psalm mit dem Pharao Echnaton zu tun haben, erläutert sehr spannend und lesenswert Dekanin Gerlinde Hühn. [PW 31.1.2021]


Musik zum 3. Sonntag nach Epiphanias (24.1.2021) "Amazing grace"

"Amazing grace" - übersetzt: "Unglaubliche (oder: "Erstaunliche") Gnade" - ist ein altes Kirchenlied, das ursprünglich hauptsächlich in den USA verbreitet war. Der Text stammt von John Newton, ehemals Kapitän eines Sklavenschiffes, der 1748 in Seenot geriet, Gottes Erbarmen anrief und gerettet wurde. Es wird berichtet, dass er danach die Sklaven menschlicher behandelte (?), später den Beruf ganz aufgab und als Geistlicher für die Bekämpfung der Sklaverei eintrat. Die heute zu diesem Text gesungene Melodie ist erstmals 1831 in einem Gesangbuch dokumentiert. - Möglicherweise ist Ihnen die Melodie noch frisch im Ohr: Am 20. Januar, also vor wenigen Tagen, sang der Country-Sänger Garth Brooks das Lied auf der Feier zur Vereidigung des neuen Präsidenten der USA, Joe Biden. In den Medien wurde das besonders wahrgenommen, weil Brooks Republikaner ist, also eigentlich politischer Gegner Bidens. Brooks bezeichnete seinen Auftritt als "Erklärung der Einheit": Das passt auch insofern ganz gut, weil das Lied schon bei beiden Parteien des amerikanischen Bürgerkrieges beliebt war, und sogar bei indianischen Ureinwohnern. Auch von afroamerikanischen Spiritual- und Gospelsänger*innen wurde es interpretiert. Mehr zur Geschichte bei Wikipedia. Rainer Scheibe, diesmal solo an der Trompete, lässt sowohl das Pathos dieses Liedes durchklingen, unterminiert dies aber gleichzeitig durch feine Zwischentöne und eine intelligente Improvisation - seien Sie also offen für einen neuen Höreindruck! "Da hast Du aber etwas sehr Originelles eingespielt.", schrieb Pfarrer Holger Nollmann an den Trompeter. Ach ja: In der Fernsehshow im Anschluss an die Präsidenten-Vereidigung spielte Yo-Yo Ma "Amazing grace" auf dem Cello. "This is for all of you, who found new ways for us to smile together", so leitete er das Stück ein. Kein schlechtes Programm für die neue Woche: Neue Wege finden (und aufzeigen), damit wir gemeinsam lächeln können! Unser Werbeblock: Sonntag um 11 Uhr ist Zoom-Gottesdienst! Schauen Sie mal rein und lächeln Sie in die Kamera! [PW 24.1.2021]

Musik zum 2. Sonntag nach Epiphanias (17.1.2021): "Jesus ist kommen" (eg 66)

Der Glanz und die Feierlichkeit der Weihnachtszeit sind vorbei, nur noch die allerletzten Sterne leuchten abends in Wohnungen und in Gärten. Der Himmel ist grau, die Bäume sind kahl. Was ist geblieben von den guten Gefühlen oder gar der Begeisterung über die Menschwerdung Gottes in Jesus, die wir Weihnachten gefeiert haben? Vielleicht ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt für dieses schwungvolle "Gute-Laune-Lied", das mit seinen zahlreichen Strophen unter dem Motto "Jesus ist kommen" besingt, (vielleicht etwas flapsig formuliert) warum Weihnachten wichtig war und ist, und was "Jesus ist kommen" für Sie und mich bedeuten könnte. 1740 wird es "Triumphslied über den gekommenen Heiland der Welt" überschrieben. Es weist eine große Fülle biblischer Bezüge auf. Johann Ludwig Konrad Allendorf (1693-1773) dichtete 1736 den Text, die Melodie ist drei Jahre älter, Komponist unbekannt. Allendorf war lutherischer Pfarrer und war pietistisch geprägt, d.h. das fromme Individuum in seiner persönlichen Beziehung zu Gott war ihm wichtig. Das klingt im Text durch. "Diese Frömmigkeit geht mit ihrem Heiland recht vertraulich um", heißt es in der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Ursprünglich hatte das Lied 23 Strophen. Von A bis Z (außer I, X und Y) wird Jesus mit biblischen Namen und Titeln beschrieben, immer kombiniert mit "Jesus ist kommen ...". Da in manchen Strophen mehrere vorkommen, sind es insgesamt 42 Titel. Im Evangelischen Gesangbuch (und hier) stehen "nur" noch neun Strophen. Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete) spielen drei, und schon in diesen drei scheint musikalische Vielfalt auf. Mit dem Blick auf die Anfangsbuchstaben der Titel können Sie im Gesangbuch oder hier nachvollziehen, wieviele Strophen wo weggelassen wurden. Inhaltlich spannt das Lied einen weiten Bogen, von Weihnachten über Passion und Tod bis zur Überwindung des Todes. Falls Ihnen die textliche "Direktheit der Glaubensbeziehung [...] eher fremd" ist (nochmal aus der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch), lassen Sie sich vom Schwung der Musik mitnehmen. Die Melodie wurde übrigens immer wieder für zu weltlich gehalten ("Pietistenwalzer"), das stört uns glücklicherweise nicht mehr. Noten mit fünf Textstrophen finden Sie hier.  [PW 17.01.2021] 


Musik zum ersten Sonntag nach Epiphanias (10.1.2021) "Wie schön leuchtet der Morgenstern" (eg 70)

"Wie schön leuchtet der Morgenstern" - nein, kein Morgenlied, sondern eher ein "mystisches Brautlied": Bildhaft ist Jesus (der Morgenstern) der Bräutigam und ich/Du/wir die Braut - eine Bildsprache, die auch das Hohelied der Liebe im ersten ("Alten") Testament prägt. Biblisch bezieht sich der Morgenstern auf die Offenbarung des Johannes (22,16): "Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern."

Pfarrer Philipp Nicolai schrieb 1599 in Unna - also nicht weit weg von hier - den Text und eine Melodie, die ganz genau dazu passte. In Unna herrschte 1597 die Pest, es gab täglich zwanzig bis dreißig Beerdigungen. Im Angesicht der grausigen Epidemie schrieb Nicolai ein Trostbuch, den "Frewdenspiegel deß ewigen Lebens", in dessen Anhang er das Lied veröffentlichte. Die erotisch-mystische Bildsprache wurde in der Geschichte durch Eingriffe in den Text immer wieder entschärft und "fromm" gemacht. Johann Sebastian Bach verwendete den Choral für eine Kirchenkantate (BWV 1). Rainer Scheibe (Trompete) weist uns darauf hin, dass er gemeinsam mit Hannelore Heinsen an der Orgel in der letzten Strophe den original Bach-Satz spielt - und viel Freude an der Tonleiter abwärts am Ende hat.

Unabhängig davon, ob Sie zur Vorstellung einer bräutlichen Beziehung zu Jesus (die sich wohl am Ehesten auf die Endzeit bezieht) einen inneren Zugang haben oder nicht: Wie würden Sie einen bzw. Ihren persönlichen Beziehungsraum zu Jesus definieren? Und würden Sie sich überhaupt auf einen solchen Gedanken einlassen wollen? Wer weiss: Vielleicht entsteht irgendwo in Bochum in dieser Pandemiezeit ein neues Lied mit einem Deutungs-Angebot für die Beziehung Jesus - Sie/ich? Bis dahin: Mitsingen! Entweder aus dem Evangelischen Gesangbuch (Nr. 70) oder dem katholischen Gotteslob (Nr. 357) oder aus Noten und Text im Netz beim Liederprojekt von Carus-Verlag und SWR. [PW 10.1.2021]

Musik zum Neujahrstag (1.1.2021): "Feuerwerksmusik", 4. Satz "La Réjouissance" von Georg Friedrich Händel

Sie haben das neue Jahr ruhig und ganz ohne Pyrotechnik begonnen? Wenigstens musikalisch gibt es jetzt  ein wenig Feuerwerk auf die Ohren. Und zwar den  vierten Satz aus der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel "La Réjouissance" - gespielt von Hannelore Heinsen an der Orgel und Rainer Scheibe an der Trompete. Zu zweit schaffen sie es, den Schwung und die Freude rüberzubringen, für den Händel bei der Uraufführung 1749 über 50 Bläser und Schlagwerker zur Verfügung hatte. Chapeau! Die Feuerwerksmusik, im Original "Musick for the Royal Fireworks", schrieb Georg Friedrich Händel im Auftrag von König Georg II. als Festmusik für ein königliches Feuerwerk anlässlich des Friedens von Aix-La-Chapelle. Die Friedensfeier fand am 27. April 1749 im Londoner Green Park statt. - Ach ja: Damals fluppte nicht alles reibungslos: Bei der Generalprobe am 21. April 1749 in Vauxhall Gardens sorgten die 12.000 zahlenden Zuschauer für den ersten Verkehrsstau Londons, stundenlang steckten die Kutschen fest. Bei der Aufführung am 27.4. mussten die Zuschauer vor den vielen Raketen unter die Bäume flüchten. Das Feuerwerk setzte einen Teil der hölzernen prachtvollen Bühnenarchitektur in Brand, worauf der Architekt mit dem Degen auf die Feuerwerker losging. Und dann regnete es noch. Aber die Musik war klasse! - Also: Gut, dass wir allen Risiken des Feuerwerks in der letzten Nacht nicht ausgesetzt waren. Und dass der Degen nicht mehr zur Outdoor-Kleidung bei Open-air-Konzerten gehört. [PW 31.12.2020] 

... und "Freuet euch, ihr Christen alle" (eg 34)

Der Choral "Freuet euch, ihr Christen alle" (Text: Christian Keimann, Melodie: Andreas Hammerschmidt) stammt aus dem Jahr 1645 oder 1646 (also den letzten Jahren des dreissigjährigen Krieges und näherungsweise der Entstehungszeit unserer Pauluskirche in der Innenstadt). Text und Noten finden Sie im Liederarchiv. Eine historische Einordnung und geistliche Auslegung hat Wolf-Dieter Steinmann vor wenigen Tagen im SWR vorgenommen, auf die wir hier gerne verweisen und zum Nachlesen empfehlen. Für heute schließen wir uns der 4. Strophe an: "Jesu, nimm dich deiner Glieder / ferner noch in Gnaden an; / schenke, was man bitten kann, / und erquick uns alle wieder; / gib der ganzen Christenschar / Frieden und ein seligs Jahr." - wobei die Gedankenwelt von 1645 mit der "ganzen Christenschar" alle Menschen einschloss. [PW 31.12.2020] 


Musik zum ersten Sonntag nach dem Christfest (27.12.2020) "Es ist ein Ros entsprungen" (eg 30)

 

 

Musik zum zweiten Weihnachtstag (26.12.2020): "Vom Himmel hoch" (eg 24)

 

 


Musik zum ersten Weihnachtstag (25.12.2020): "O du fröhliche" (eg 44)

 

 

Musik zum Heiligen Abend (24.12.2020): "Stille Nacht" (eg 46)

"Stille Nacht, heilige Nacht" - ein Klassiker am Schluss des Heiligabendgottesdienstes. Man sagt, so sei es entstanden: Heute vor 202 Jahren, am 24. Dezember 1818, bat der Hilfspriester in Oberndorf bei Salzburg, Joseph Mohr, den Lehrer, Mesner (Küster, Kirchendiener) Franz Gruber, sein zwei Jahre vorher geschriebenes Gedicht zu vertonen, was dieser noch am gleichen Tag tat. Noch in dieser heiligen Nacht wurde es in der Messe gesungen. Was auch immer man zu diesem Lied ästhetisch oder inhaltlich sagen mag: Es hat einen Weg um die ganze Welt angetreten. Es steht im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 46 und in katholischen Gotteslob unter Nr. 249. Noten und Text stehen wieder im Liederprojekt von SWR und Carus-Verlag.  [PW 24.12.2020] 


Musik zum 4. Advent (20.12.2020): "Macht hoch die Tür" (eg 1)

"Macht hoch die Tür" - das erste Lied im evangelischen Gesangbuch (katholisches Gotteslob Nr. 218), der Text für den zweiten Advent 1643 (Eröffnung der Altroßgärterkirche in Königsberg) von Georg Weissel verfasst, bei uns im Bochumer "Trompetenblog" am vierten Advent 2020. Die heute bekannte Melodie findet sich in einem 1704 zusammengestellten Gesangbuch. Text und Noten stehen auch wieder im Liederprojekt von SWR und Carus-Verlag (allerdings eine Strophe weniger). Hinweise zu Geschichte, Text und Musik finden sich bei Wikipedia und in der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch.
Wir können den ziemlich flachen Kalauer am Wegesrand nicht links liegen lassen: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit": Ja, ein Corona-Lied: Lüften, lüften, lüften! Nein, im Ernst: Das Lied beginnt mit einem Zitat aus Psalm 24 in der Luther-Übersetzung: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!" Mit diesem Ruf feierte das Volk Israel den Einzug der Bundeslade in den Tempel, symbolisch für den Einzug Gottes in sein Volk. Noch gehört heute Psalm 24 zur jüdischen Neujahrsliturgie, das die Königsherrschaft Gottes feiert, und wird jede Woche nach dem Morgengebet des ersten Tages der Woche gebetet. Der Ruf erklang also schon, als es noch gar keine christlichen Gemeinden gab. Christinnen und Christen haben diesen Psalm schon früh auf Christus gedeutet. Auch wenn wir und Sie zu den Bildern der Königsherrschaft in unserem Choral vielleicht keinen unmittelbaren Zugang haben, weil wir in demokratisch verfassten Verhältnissen leben: Wenn wir in den Text schauen, wird deutlich, dass es sich um eine ganz besondere Königschaft, gewissermaßen konträr zum klassischen Feudalherrscher, handelt: "der Heil und Leben mit sich bringt", "gerecht, ein Helfer wert / Sanftmütigkeit ist sein Gefährt", "sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsere Not zum End er bringt": Was wären für uns wichtige Maßstäbe für eine gute  Regentschaft? Aber es geht nicht nur um eine gesellschaftliche Perspektive ("O wohl dem Land, o wohl der Stadt / so diesen König bei sich hat"), sondern auch um Ihren und meinen sehr persönlichen - auch spirituellen - Blickwinkel. Denn das Lied will uns nicht als passive Beobachter dieser neuen Königschaft am Straßenrand stehen lassen: "Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür die offen ist. / Ach zieh mit Deiner Gnade ein, / dein Freundlichkeit auch uns erschein." Was mag sich für uns ändern, wenn unser Herz dafür offen ist? [PW 20.12.2020]

Musik zum 3. Advent (13.12.2020): "O Heiland, reiß die Himmel auf"

"O Heiland, reiß die Himmel auf!" steht im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 7 und im katholischen Gotteslob unter Nr. 231. Text und Noten sind auch im Liederprojekt von Carus-Verlag und SWR zu finden. - Der Text wird dem Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld zugeschrieben. Er ist 1622 in einer Schrift erschienen, die für die Verwendung in Katechismusschulen gedacht war ("gesungener Katechismus"), und in der junge Christen lernen sollten, was es mit der Menschwerdung Gottes in der Geburt Jesu Christi auf sich hat. Die Bildsprache bezieht sich auf zahlreiche Textstellen, vor allem des ersten ("Alten") Testaments, vorwiegend aus dem Propheten Jesaja und aus den Psalmen, die die Christen in Bezug auf Jesus verstanden haben. Die heutige Melodie ist 1666 veröffentlicht worden und passt kongenial zum Text. Der Verfasser ist unbekannt. - Die ersten drei Strophen weisen theologisch auf die zwei Naturen des erwarteten Erlösers hin: Ganz Gott (bildhaft: regnend aus dem Himmel) und ganz Mensch (bildhaft: sprießend aus der Erde). Die Zeiten schienen 1622 genauso belastend und beschwerlich gewesen zu sein wie heute: In den Strophen 4 bis 6 geht es um Trost und Hoffnung für Rettung aus Finsternis, Not und Jammertal.
"O Gott, ein Tau vom Himmel gieß", heißt es in der zweiten Strophe. An dieser Stelle beichtet der Verfasser dieser Zeilen: Als Kind sah er beim "Tau" vor seinem inneren Auge immer die dicken Stricke, die von der Decke der Turnhalle heruntergelassen wurden, und an denen emporklettern für ihn als nicht so guten Turner schon auf den ersten Metern schwierig war. Und dann eine Strecke bis zum Himmel klettern? Puh ... Naja, wenn man weiterliest oder -singt, erkennt man, dass mit Tau "durch Temperaturunterschiede kondensiertes Wasser" (Wikipedia) gemeint ist - für manche Wüstenpflanzen eine wichtige Möglichkeit, mit lebenswichtigem Wasser versorgt zu werden. Um diese Richtung geht es also: Nicht wir müssen (wie beim Tau in der Turnhalle) auf Gott zuklettern, sondern er kommt in Jesus auf uns zu (wie der Tau aus dem Himmel). Das ist die Bewegungsrichtung von Weihnachten. [PW 13.12.2020]

Lesetipp: Hansjörg Becker et al. (2001) Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder. C.H. Beck ISBN 3-406-48094-2, S 181ff.


Musik zum 2. Advent (6.12.2020): "Wie soll ich dich empfangen" (eg 11)

 "Wie soll ich dich empfangen" - der zehnstrophige Adventschoral von Paul Gerhardt (Text) und Johann Crüger (Melodie) stammt aus dem Jahr 1653, ist also fast genauso alt wie unsere Pauluskirche in der Innenstadt.  Text und Noten finden Sie im Liederprojekt von Carus-Verlag und SWR, den Text zu allen 10 Strophen bei Wikipedia. Sie haben eine andere Melodie dazu im Kopf? Dann haben Sie vielleicht unlängst das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach gehört. Dort unterlegt Bach die erste Strophe mit der Melodie "O Haupt voll Blut und Wunden".  - "Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir,", beginnt der heutige Choral, aber eigentlich geht es in den Strophen 1 bis 5 umgekehrt um Gottes bedingungslose Zuwendung zu uns, also gewissermaßen: Wie er uns begegnet. In den Strophen 6 bis 10 geht es um Zuspruch in Gram, Angst und Not, wie Paul Gerhardt es beschreibt. Vielleicht ist das eine Klammer, die die mittelalterliche Welt und Sprache mit unseren aktuellen schwierigen Zeiten verbindet  - und vielleicht mögen Sie sich von diesem Trost anstecken lassen, wo es über Jesus heißt: "Er kommt, er kommt mit Willen, / ist voller Lieb und Lust, / all Angst und Not zu stillen, / die ihm an euch bewusst." [PW 6.12.2020]

Musik zum 1. Advent (29.11.2020): "Es kommt ein Schiff geladen"

"Es kommt ein Schiff geladen" - ein sehr alter adventlicher Choral,  wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert, der Text in der aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert aufgezeichnet, 1608 im Andernacher Gesangbuch enthalten. Die Strophen erfuhren bis zu der Version, die wir heute in Gesangbüchern finden (Evangelisches Gesangbuch Nr. 8, katholisches Gotteslob Nr. 236), mehrere Veränderungen. Text und Noten finden Sie wieder im Liederprojekt von Carus-Verlag und SWR. - Nanu, eine Bildsprache aus der Seefahrt (Schiff, Mast, Segel, Anker) zum doch recht erdverbundenen Thema Advent? Im Mittelalter sind Allegorien, zeichenhafte Beschreibungen, üblich. Der Text selbst gibt die Hinweise: Die Fracht des Schiffes ist Gottes Sohn, Jesus Christus; das Segel steht für die Liebe; der Mast für den heiligen Geist; der Anker für das Verhaftetsein mit der Erde. In der altkirchlichen Überlieferung, die im Mittelalter, zur Entstehungszeit des Liedes, noch bekannt war, hat die Metapher des Schiffes eine große Bedeutung. Sie kann für Maria stehen (eine ältere Version war ein Marienlied), für die Kirche oder für die Seele. Eine schöne Deutung finden wir bei Becker et al.*: "Das Schiff ist von altersher ein Sinnbild für die Begegnung zweier Welten, für die Begegnung von Meer und Land, von Himmel und Erde, von Gott und Mensch. Aus unsichtbarer Ferne kommt es, durchfährt das Meer, ohne eine Spur zu hinterlassen, taucht plötzlich am Horizont auf, nähert sich, berührt schließlich das hiesige Ufer und entlädt seine kostbare Fracht; sie kommt aus einer Welt, die vom Hafen aus nicht mehr zu sehen ist." - Wäre das nicht ein schönes Leitmotiv für die Adventszeit: Sich auf die Begegnung mit Gottes Welt einzulassen? Auf die Begegnung zwischen Himmel und Erde? Auf Jesus als die Botschaft Gottes im Sinne der Weihnachtsbotschaft "Gott wird Mensch"?  [PW 29.11.2020] 

* Hansjörg Becker et al. (2001) Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder. C.H. Beck ISBN 3-406-48094-2, S 60f.


Musik zum Ewigkeitssonntag (22.11.2020): "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (eg 369) und "Wachet auf, ruft uns die Stimme" (eg 147)

 

 

Musik zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (15.11.2020): "Bunt sind schon die Wälder"

Zwischen Chorälen, alten und neuen geistlichen Liedern  in unserem "Trompeten-Orgel-Blog" von Hannelore Heinsen (meist an der Orgel, aber heute am Klavier) und Rainer Scheibe (Trompete) gibt es heute ein Volkslied: "Bunt sind schon die Wälder" [Wikipedia], auch als "Herbstlied" bekannt. Der Text aus dem Jahr 1782 stammt vom Schweizer Dichter Johann Gaudenz von Salis-Seewis, die Melodie von 1799 vom deutschen Komponisten Johann Friedrich Reichardt.
Der Herbst ist ja eine Jahreszeit mit zwei Gesichtern: Einerseits leuchtendes Herbstlaub, reifendes Obst, am Himmel ziehende Kraniche. Andererseits Regen, Kühle, glitschiges Laub in den Straßen, spät hell, früh dunkel - und Grau als dominierende Farbe. Vielleicht ist es schön, sich gerade an den "grauen Tagen" die andere Seite des Herbstes in Erinnerung zu rufen. Phantasiereisen in die Herbstwelt sind auch in Corona-Zeiten ungefährlich. Und wie sagte schon Andre Heller: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf". Sie wollen mitsingen (vielleicht zur Zeit nicht gerade öffentlich)? Noten, Text und andere Materialien gibt es hier beim Benefiz-Liederprojekt von SWR und Carus-Verlag (kleiner Werbeblock: Das Stöbern im Liederprojekt lohnt insgesamt! ... und nebenbei: Der Verband evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker dort ist einer der Projektpartner :-)  ). Genießen Sie den Herbst - in echt und draußen oder eben im Kopf! [PW 15.11.2020] 


Musik zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres (9.11.2020): "Was Gott tut, das ist wohlgetan" (eg 372)

"Was Gott tut, das ist wohlgetan" - der Text dieses Chorals wurde 1675 vom 26jährigen Dichter und Geistlichen Samuel Rodigast für seinen Freund, den Kantor Severus Gastorius geschrieben. Die Entstehungsumstände sind wissenschaftlich umstritten, aber möglicherweise hat Rodigast den Text für Gastorius geschrieben, als dieser schwer krank war und sich einen Text wünschte, der ihn tröstete und der auch auf seiner Beerdigung gesungen werden sollte. Keine leichte Aufgabe, hier die richtigen Worte zu finden! Gastorius vertonte den Text dann - das Lied ist zu finden im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 372, im katholischen Gotteslob unter Nr. 416. Johann Sebastian Bach hat diesem Lied gleich drei (oder vier?) Kantaten gewidmet. - Ein Trostlied auf dem Weg in die dunkle Jahreszeit und die stillen Feiertage: Danke an Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete). Lesenswerte geistliche Auslegungen finden sich bei der Predigergemeinde Erfurt und beim SWR. Übrigens: Gastorius wurde wieder gesund und starb 7 Jahre später.

Musik zum 21. Sonntag nach Trinitatis (1.11.2020): "Wohl denen, die da wandeln" (eg Nr. 295)

"Wohl denen, die da wandeln" basiert auf dem 119. Psalm. Der Leipziger Theologieprofessor und Pfarrer Cornelius Becker dichtete 1602 aus den 176 Versen des Psalms 88 (!) siebenzeilige Strophen (und wir dachten, Paul Gerhardt sei der Weltmeister der "Vielstrophigkeit"). Becker verwendete zunächst eine damals bekannte Melodie. Heinrich Schütz schuf 1628 eine (neue) Melodie. 1661 verwendete Schütz für die 88 Strophen acht Melodien, von denen wir heute die dritte, basierend auf Beckers Strophen 1, 4, 16 und 45 unter Nr. 295 im Evangelischen Gesangbuch finden, und zwar mit Schütz' vierstimmigem Chorsatz. Im katholischen "Gotteslob" steht das Lied unter Nr. 543 mit einer zusätzlichen Strophe.

Der geistliche Inhalt dieses Liedes wird in Wikipedia so schön zusammengefasst, dass wir das hier gerne zitieren: "Wie der biblische Psalm 119 ist Beckers Liedfassung eine Seligpreisung: „Wohl denen“, das heißt: auf dem Weg zur Fülle des Lebens sind die, die sich an Gottes Wort ausrichten und damit Gott selbst in ihrem Dasein gegenwärtig sein lassen. Das „Wort“ ist hier die Tora, nicht als einengendes Gesetz verstanden, sondern als raumschaffende Weisung weit über fixierte Buchstaben hinaus."

In der zweiten Strophe heißt es "Von Herzensgrund ich spreche: Dir sei Dank allezeit, weil du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit." - quasi mit Ausrufezeichen. Wir lernen aus der Bibel, dass die Gerechtigkeit Gottes viel größer ist als unsere alltäglichen Gerechtigkeitsvorstellungen. Denken Sie an das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, die zu unterschiedlichen Stunden des Tages "eingestellt werden", abends aber alle den gleichen Lohn erhalten: Eben was sie zum Leben brauchen. Jetzt, in der Pandemie, sind viele Fragen, die uns bewegen, Gerechtigkeitsfragen: Der Schutz der besonders Empfindlichen wird abgewogen gegen die Zumutungen, die das für die Menschen mit geringem Risiko für schwere Verläufe bedeutet. Wieviel Solidarität wollen wir in unserer Gesellschaft? - Die finanzielle Unterstützung für die, für die die Pandemie-Regeln quasi ein Berufsverbot bedeuten - wie groß darf sie sein und wer soll wann die deshalb aufgenommenen Schulden zurückzahlen? Wer soll als Erstes geimpft werden, wenn irgendwann ein Impfstoff zur Verfügung steht? - Vielleicht lohnt es, die zweite Strophe statt mit einem Ausrufezeichen mit einem Fragezeichen zu denken. Oder als Bitte: Gott, lehre mich die Rechte Deiner Gerechtigkeit zu erkennen - gerade jetzt. [PW 31.10.2020] 


Musik zum Reformationstag (31.10.2020): "Ein feste Burg ist unser Gott"

"Ein feste Burg ist unser Gott" - zweifelsohne einer der bekanntesten protestantischen Choräle, "evangelisches Bekenntnislied schlechthin", "Trutz- und Triumphlied", so hat es sich in der Geschichte entwickelt und wurde später auch eine nationalprotestantische Hymne, im ersten Weltkrieg gar national-militaristisch instrumentalisiert. Der Text stammt von Martin Luther, wahrscheinlich aus den Jahren vor 1929. Es ist umstritten, ob die Melodie auch von ihm stammt (wie es im Gesangbuch steht), oder ob er (neben Johann Walter) nur daran beteiligt war.


Gottes Macht und Kraft in einem Umfeld gottwidriger Mächte - dies alles wird dargestellt mit einer gewissen Kampfrhetorik. Wir hüten uns an dieser Stelle, die gottwidrigen Mächte mit der gegenwärtigen Corona-Situation zu aktualisieren, auch die Versuchung groß ist ("Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren, es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren"). Werfen wir stattdessen einen Blick auf Psalm 46, der Luther zu diesem Lied inspiriert hat (denn eigentlich ist "Ein feste Burg" ein Psalmlied): "Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge, und die Berge mitten ins Meer sänken." Ja, die meisten von uns blicken im Moment mit Sorgen in die Zukunft: Wie wird es wohl werden in den nächsten Wochen? Werden die Menschen, die uns am Herzen liegen, gesund bleiben? Was ist mit den Menschen, deren berufliche und wirtschaftliche Existenz bedroht ist? Werden wir als Gesellschaft zusammenhalten und uns gegenseitig und die besonders Gefährdeten schützen? Wie schön wäre es, wenn wir da sagen könnten: "Gott ist unsere Zuversicht und Stärke. Wir fürchten uns nicht, auch wenn die Not groß ist." Und wenn wir uns diese Hoffnung gegenseitig vermitteln könnten. - Und wir sollten trotz allem den Kopf nicht hängen lassen - in Psalm 46 geht es weiter: "Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben, mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind." Möglicherweise geht das gemäß dem alten Rudi-Schuricke-Schlager mit Musik besser - lauschen Sie also den Klängen von Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete), die auch heute wieder die Luft in Orgelpfeifen und im Trompetenrohr zum Schwingen bringen. Und wenn Ihnen das am Anfang etwas fremd vorkommt: Das ist die ältere Form, noch nicht von den reizvollen rhythmischen Ecken und Kanten befreit ...

Wenn Sie der Entstehung und Wirkungsgeschichte dieses Chorals weiter auf die Spur kommen wollen, empfiehlt sich neben dem Wikipedia-Artikel der Artikel von Michael Fischer (2007) aus dem historisch-kritischen Liederlexikon. [PW 31.10.2020]

Musik zum 20. Sonntag nach Trinitatis (11.10.2020): "Mein schönste Zier und Kleinod" (eg Nr. 473)

"Mein schönste Zier und Kleinod" steht im Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 473, im katholischen Gotteslob unter Nr. 361. 


Musik zum 19. Sonntag nach Trinitatis (18.10.2020): "Halte zu mir, guter Gott"

"Halte zu mir, guter Gott" - eigentlich ein Lied für Kinder. Aber auch für Erwachsene, die sich einen Sinn für eine elementare Sprache bewahrt haben. Und gleichzeitig ein Gebet. Schauen Sie mal in den Text, den Sie in dieser PDF-Datei (S.2) mit Noten finden.

Der Wunsch nach einem guten Gott, der die Hände über mir hält und zu mir hält. Der jederzeit bei mir ist, und dessen Gegenwart ich spüren kann, wenn ich leise bin: Ein elementarer christlicher Wunsch, und ein Wunsch, der in diesen unsicheren Zeiten vielleicht noch stärker in vielen von uns klingt, als in "normalen" Zeiten. Ist das Regression, Rückfall in eine kindliche Entwicklungsstufe, das Begeben in kindliche Abhängigkeit, wie manche Atheisten sagen? Eher nein: Genauso, wie Eltern ihren Kindern Geborgenheit geben und sie gleichzeitig zu freien, selbstständigen und starken Persönlichkeiten erziehen, genauso blickt Gott auf uns Gotteskinder. In Psalm 39, also auch einem Gebet, heißt es im sechsten Vers: "In deine Hände befehle ich meinen Geist", also: Dir vertraue ich mich an. Und drei Verse weiter aber auch: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" (Vers 9). Also: Du gibst mir Freiheit. Vielleicht gehört beides zusammen: Der Ort, wo wir uns geborgen fühlen (für uns Christen: Bei Gott. Und hoffentlich auch bei uns lieben Menschen). Und der weite Raum der Freiheit.

Nachgetragen sei noch: Der Text stammt von Rolf Krenzer, der Schuldirektor und Dichter war und über 2000 Liedertexte geschrieben hat. Die Melodie stammt von Ludger Edelkötter, den viele von Ihnen wahrscheinlich schon aus Ihrer eigenen Jugend als Protagonisten des "neuen geistlichen Liedes" kennen (z.B. mit dem Kanon "Herr gib uns deinen Frieden"). "Halte zu mir, guter Gott" wird zwar häufig im Kindergottesdienst, im Kindergarten oder bei Taufen gesungen, findet sich aber nicht in unserer landeskirchlichen Ausgabe des Evangelischen Gesangbuchs. [PW 17.10.2020]

Musik zum 18. Sonntag nach Trinitatis (11.10.2020): "Jesus bleibet meine Freude" von Johann Sebastian Bach

"Jesu bleibet meine Freude" - diese Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach von 1723 aus Leipzig ist ein dreihundert Jahre alter "Superhit" und sicher eines der bekanntesten Werke Bachs. Es ist der Schlusschoral der Kantate "Herz und Mund und Tat und Leben" (BWV 147), die für das Fest "Mariä Heimsuchung" komponiert wurde. An diesem Festtag geht es um den Besuch der schwangeren Maria bei ihrer Verwandten Elisabet ("Heimsuchung"), die selbst mit Johannes dem Täufer schwanger ist (Lukas 1,39-40 und folgende). Die Bach-Kantaten waren für die Aufführung vor und nach der Predigt gedacht. Bach greift für den Text auf den Choral "Jesu meiner Seelen Wonne" (1661 und 1668) von Martin Janus zurück. Die Melodie basiert auf "Werde munter mein Gemüte" von 1642 (Evangelisches Gesangbuch Nr. 475. "Jesu bleibet ..." ist allerdings ein Dreiertakt, "Werde munter ..." ein Vierertakt). Wahrscheinlich werden Sie sich dem Zauber der Musik nicht entziehen können. Aber was ist mit dem Text?

Jesus bleibet meine Freude,
meines Herzens Trost und Saft,
Jesus wehret allem Leide,
er ist meines Lebens Kraft,
meiner Augen Lust und Sonne,
meiner Seele Schatz und Wonne;
darum lass ich Jesum nicht
aus dem Herzen und Gesicht.

Die barocke Sprache und Spiritualität bzw. Glaubensinnigkeit (und auf den ersten Blick auch Naivität) sind vielen von uns wahrscheinlich fremd. Mögen Sie trotzdem die kraftvollen Sprachbilder einen Moment auf sich einwirken lassen? Jesus - meines Herzens Trost und Saft. Meiner Augen Lust und Sonne. Ist heute noch eine so emotionale und persönliche Beziehung zu Jesus möglich? Will ich das? Wollen Sie das? Vielleicht machen Sie im Alltagsleben auch die Erfahrung, dass es Begegnungen mit Menschen gibt, die Ihrem Leben Kraft geben, die wie die Sonne strahlen oder "der Seele Wonne" hinterlassen. Hoffentlich ja - das wünschen wir Ihnen. Es wäre eine spannende Frage, wie (auch) der Gottesohn und Mensch Jesus "zu meines Herzens Trost" oder "meines Lebens Kraft" werden könnte. [PW 10.10.2020]


Musik zum Erntedank-Sonntag (4.10.2020): "Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht" (eg 591)

"Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht" geht auf das Lied "ṾiYhuda le‘olam teshev" von Joseph Jacobsen aus dem Jahr 1935 (!) zurück. Er war Musiklehrer am Hamburger Konservatorium für Musik und an der Hamburger Talmud-Tora-Schule. Der urspüngliche Text greift ein Wort des Propheten Joel auf (Joel 4,20). Der Essener Priester Hans-Hermann Bittger hörte - so liest man - diese Melodie im israelischen Radio und dichtete einen neuen Text dazu, zu dem er durch das intensive Erleben einer Nacht unter freiem Himmel im Sinai inspiriert wurde.
"Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht" - mit Ausrufezeichen oder Fragezeichen? Erleben wir das Wort Gottes als "Licht in der Nacht"? Hat Gottes Wort "Hoffnung und Zukunft gebracht", gibt es "Halt, in Bedrängnis, Not und Ängsten"? Kommt drauf an: Neben vielen inspirierenden und Mut machenden Auslegungen - in unseren Freiluft- oder Indoorgottesdiensten, für viele zur Zeit auch in Fernsehgottesdiensten und Radioandachten -  lesen wir in der Zeitung aber auch, wie in Ländern in Ost und West unter Berufung auf das Wort Gottes die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben wird. Vielleicht ist deshalb eine Version mit Fragezeichen ganz sympathisch: Wie legen wir die biblischen Texte, "Gottes Wort", Texte, die teils fast, teils deutlich mehr als 2000 Jahre alt sind, teilweise direkt verständlich, viele aber erst nach Übersetzung aus ihrem Kontext und ihrer Zeit heraus in unsere Wirklichkeit verständlich, so aus, dass sie "Hoffnung und Zukunft" bringen? Wie können wir uns durch das Handeln Jesu - das fleischgewordene Wort Gottes - lebendig inspirieren lassen? Oder, wie der alte Rocker Van Morrison gesungen hat: "When will I ever learn to live in god?". Reinhold Schneider hat über die Bibel gesagt: "Dieses Buch kann man nicht lesen. Man kann es nur tun." Und so wird das Wort Gottes in Ihrem, Deinem, meinem und unserem Handeln sichtbar - wir können gerade jetzt "Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten" in der andauernden Krise gut gebrauchen. Lassen Sie das Lied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 591, Katholisches Gotteslob Nr. 450), gespielt von Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete), gerne auch als Kanon, in ihre Woche hinein nachklingen! [PW 4.10.2020]

Musik zum 16. Sonntag nach Trinitatis (27.9.2020): "Festive Trumpet Tune" von David german

Ein festliches Stück für Orgel und Trompete, "Festive Trumpet Tune" von David German, bildet den musikalischen Impuls für den heutigen Sonntag. Über den Komponisten sind nicht viele Informationen zu finden, außer, dass er 1954 geboren ist. "He's a mystery!" steht in einem Forum im Netz. Lassen wir die Musik für ihn sprechen! Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete) lassen das Stück heute live zu einer Konfirmation erklingen. [PW 27.9.2020]


Musik zum 15. Sonntag nach Trinitatis (20.9.2020): "Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen" (eg 266)

"Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen" - dieses Abendlied beruht auf dem englischen Lied "The day Thou gavest, Lord, is ended", dessen Text aus dem Jahr 1870 von dem anglikanischen Geistlichen John F. Ellerton stammt. Die deutsche Übertragung von Gerhard Valentin bleibt eng am Text des englischen Originals. Melodie und der im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 266) abgedruckte vierstimmige Satz werden dem ebenfalls anglikanischen  Geistlichen Clement Cotterill Scholefield (1839-1904) zugeschrieben, dessen Verfasserschaft aber aktuell diskutiert wird. In unserem Gesangbuch sind sowohl der deutsche Text als auch der originale englische Text von Ellerton abgedruckt. Unsere katholischen Geschwister finden im Gotteslob unter Nr. 96 eine neue (1989) Übertragung von Raymund Weber, die inhaltlich gegenüber dem Text von Ellerton weitere Gedanken aufnimmt.
So wie die aufgehende Sonne um die Erde wandert, so wandert auch das niemals endende Gotteslob mit Lob- und Dankgebet um die Erde - dies ist ein Grundthema dieses Liedes in beiden Versionen. Ein Gedanke, der auch den Tagzeitengebeten der Mönche und Schwestern zugrundeliegt.
Auch geistliche Lieder stehen nicht in einem politisch luftleeren Raum: 1997 war das Lied Teil der Zeremonie zur Übergabe der Kronkolonie Hongkong an China. Aktuell erfüllt uns der brutale Kampf der china-gesteuerten Autoritäten gegen die Hongkonger Opposition mit Wut und Trauer.
Zwei Gedankensplitter zum Inhalt des Liedes: Der eine: Dankbarkeit am Abend für die Erlebnisse des Tages und die Menschen, denen wir begegnet sind, könnten unsere innere (Rück-)Sicht auf den Tag verändern und uns selbst guttun. Dieses "Guttun" wird durch die schwingende Melodie (und den beschwingenden Dreiertakt) beflügelt, die uns Hannelore Heinsen und Rainer Scheibe einspielen (auch wenn im Orgel-Intro musikalisch zunächst die am Abend einbrechende Dunkelheit vorklingt). Der zweite: Die Verbundenheit im Gebet mit Christinnen und Christen auf der ganzen Welt könnte uns motivieren und stärken, auch die gemeinsamen Herausforderungen, vor allem Armut, Ungerechtigkeit und Klimawandel, gemeinsam anzugehen. [PW 19.9.2020]

Musik zum 14. Sonntag nach Trinitatis (13.9.2020): "Lobe den Herren" (eg 316 und 317)

"Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" - der Text dieses evangelischen Klassikers stammt aus dem Jahr 1680 von Joachim Neander (nach dem übrigens im 19. Jahrhundert das Neandertal und daraus resultierend auch der Neandertaler benannt wurden, weil er zwischen 1674 und 1679 Rektor der Düsseldorfer Lateinschule der reformierten Kirchengemeinde und Hilfsprediger war und oft im Neandertal war und dort Gottesdienste abgehalten hat). Die Melodie geht auf das Lied "Hast du denn Liebster dein Angesicht gäntzlich verborgen" zurück und wurde mehrfach umgebildet. Das Lied steht im Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 317, die ökumenische Fassung unter Nr. 316. Diese steht im katholischen Gotteslob unter Nr. 392. Musikalisch erfreuen uns wieder Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Trompete). Das Lied bezieht sich auf Psalm 103, besonders die Verse 1 und 2, und daneben auch auf Psalm 24,7(-10). 

"Lobe den Herren" und Corona: Ja, da gibt es Querverbindungen. Zunächst mal äußerlich: Joachim Neander sah dieses Lied nicht in erster Linie im Gottesdienst sondern "„auf Reisen / zu Hauß oder bey Christen=Ergetzungen im Grünen durch ein geheiligtes Hertzens=Halleluja“. Mit anderen Worten: Auch draußen, wo Abstand möglich ist und die bösen Aerosole weggeweht werden. (Ok, ehe Sie selber drauf kommen, sei zugegeben: "Kommet zuhauf" (Strophe 1) passt jetzt nicht ganz zur Pandemie-Situation). Die innerliche Verbindung: Bildhaft scheint die Zuwendung Gottes zu jedem einzelnen von uns auf: "Lobe den Herren [...] der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet / der dich erhält, wie es dir selber gefällt" - diese Zusage kann uns doch guttun in diesen turbulenten Zeiten. Haben Sie gerade das Evangelische Gesangbuch zur Hand? Dort klingt etwas internationale Verbundenheit durch: Die erste Strophe steht da auch auf englisch, französisch, schwedisch, polnisch und tschechisch. [PW 13.9.2020]

Wikipedia: Lobe den Herren
(Dort auch Melodie und Text)

Michael Fischer: Lobe den Herren, den mächtigen König (2005). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon.

Siegfried Meier, Andreas Marti: 316/317 – Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. In: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Nr. 25. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-525-50348-5, S. 35–42, doi:10.13109/9783666503481.35 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).


Musik zum 13. Sonntag nach Trinitatis (6.9.2020): "Rondeau" von Jean-Joseph Mouret

Trompeter Rainer Scheibe schreibt uns: "Es ist Herbst - und wir feiern Konfirmation!
Hannelore Heinsen und ich eröffnen musikalisch an diesem Sonntag gleich zwei Konfirmationen hintereinander in Dortmund mit dem Rondeau von Jean-Joseph Mouret. Feiern Sie 2:05 Minuten lang mit." Jean-Joseph Mouret lebte von 1682 bis 1738 und galt als einer der wichtigsten Vertreter des französischen Barock. Das berühmte Rondeau stammt aus der "Premiere Suite de Fanfares". [PW 6.9.2020]

Musik zum 12. Sonntag nach Trinitatis (30.8.2020): "Großer Gott, wir loben dich" (eg 331)

"Großer Gott, wir loben dich" basiert auf dem lateinischen Hymnus "Te deum (laudamus)", deutsch: "Dich, Gott, (loben wir)", den schon Luther als "drittes Glaubensbekenntnis" sehr schätzte. Der Text aus dem Jahr 1768 (oder 1771) stammt von Ignaz Franz, einem schlesischen Priester und Theologen aus der Zeit der katholischen Aufklärung. Zur Herkunft der Melodie steht in unserem evangelischen Gesangbuch "Lüneburg 1668, Wien um 1776, Leipzig 1819". Andere Quellen verweisen darauf, dass die Melodie erstmals im "Katholischen Gesangbuch, auf allerhöchsten Befehl Ihrer k. k. apost. Majestät Marien Theresiens" abgedruckt wurde, das 1776 in Wien erschienen ist. Die elfstrophige heutige ökumenische Fassung steht im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 331, im katholischen Gotteslob unter Nr. 380. Ansgar Franz zitiert in der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 22 (2016) aus Kurzke (1990): "Man muß es erlebt haben, mit welcher Urgewalt das 'Großer Gott, wir loben dich' erdröhnen kann, zum Beispiel im katholischen Gottesdienst nach der Fronleichnamsprozession, beim Wiedereinzug in die Kirche, wenn alle Glocken läuten, die Orgel ihr äußerstes gibt, und auch die, die sonst nur lustlos vor sich hin brummeln, schmettern aus voller Brust. Ein Erschauern angesichts der Größe Gottes oder ein Überwältigtsein vom 'ozeanischen Gefühl' geht dann durch die Menge." Ganz ehrlich: Ähnliche Impressionen und Emotionen gibt es in protestantischen Kontexten auch :-). Die Version von Rainer Scheibe heute kommt anders daher: Es gibt ihn diesmal im Dreierpack, das heisst, er begleitet sich in einem dreistimmigen Choralsatz auf der Trompete selbst. Herausgekommen ist eine kleine, feine, filigrane Aufnahme, die ohne dröhnendes Imponieren auskommt.

Wikipedia: Großer Gott, wir loben dich" (Dort auch Melodie und Text)
Historisch-kritisches Liederlexikon: Großer Gott, wir loben dich".
Ansgar Franz, Andreas Marti: 331 – Großer Gott, wir loben dich. In: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Nr. 22. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-525-50345-4, S. 42–53, doi:10.13109/9783666503450.42 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
[PW 30.8.2020]


Musik zum 11. Sonntag nach Trinitatis (23.8.2020): "Die Erde ist des Herrn"

"Die Erde ist des Herrn“ war die Losung für den Kirchentag 1985 in Düsseldorf. In Vorbereitung auf den Kirchentag dichtete der Pfarrer Jochen Rieß den Text, die Melodie dazu komponierte Matthias Nagel, von dem viele neue geistliche Lieder stammen. Der Text entstammt dem Anfang des 24. Psalms. Im evangelischen Gesangbuch  (eg) steht das Lied unter Nr. 677.  

"Die Erde ist des Herrn. Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben. Drum sei zum Dienst bereit, gestundet ist die Zeit, die uns gegeben.", so lautet die erste Strophe. In das Nachdenken über die Bewahrung unseres Planeten und der Lebensgrundlagen für Mensch und Tier wurde aus christlicher Sicht immer wieder der Gedanke eingebracht, dass die Erde nicht der Besitz der Menschen ist, sondern wir sozusagen nur als "Mieter" oder "Leihnehmer" auf Gottes Schöpfung wohnen und deshalb Verantwortung für den Erhalt der "Mietsache" tragen. Genützt hat dieser Gedanke anscheinend nicht viel: Klimawandel, Artenschwund und Verlust der natürlichen Ressourcen schreiten immer schneller voran – verursacht auch durch Christinnen und Christen. Die wissenschaftlichen Daten, die diese Trends beschreiben, machen nicht viel Mut. Die Zeitfenster, in denen eine Änderung dieser Trends möglich ist, scheinen sich zu schließen. Die zweite Strophe versucht Hoffnungsperspektiven zu eröffnen: Sie entlässt uns nicht aus unserer Verantwortung ("Gebrauche deine Kraft. Denn wer was Neues schafft, der lässt uns hoffen."), verweist aber auch auf Gottes Perspektive für eine offene Zukunft ("Vertraue auf den Geist, der in die Zukunft weist. Gott hält sie offen."). Wie wäre es, wenn wir unsere eigene Energie durch die Aussicht auf eine von Gott offengehaltene Zukunft inspirieren liessen?

Musik zum 10. Sonntag nach Trinitatis (16.8.2020): "Freuet Euch der schönen Erde" (eg 510)

Erika Brockmann, Dortmund, hat das Musikrätsel vom 2.8.2020 gelöst und das Lied "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" richtig erkannt und wurde aus den richtigen Einsendungen als Gewinnerin ausgelost. Sie schreibt: "Mein Wunschchoral lautet: "Freuet euch der schönen Erde" Gesangbuch Nummer 510! Mit diesem Choral laufe ich oft durch die Natur!! Ich finde er passt auch gut in unsere heutigen Zeit!!" - Wie versprochen, haben Rainer Scheibe und Hannelore Heinsen den Choral eingespielt. Der Text stammt aus dem Jahr 1827 von Philipp Spitta (da war doch was? Richtig: Pfingstmontag hatten wir hier "O komm, du Geist der Wahrheit"), die eingängie Melodie kam erst später (1928) von Frieda Fronmüller dazu (Informationen und Text bei Wikipedia). Was schrieben die Geschwister aus Dortmund-Wickede, bei denen wir hier schamlos klauen, vor einer Woche: "Dieser merkwürdige Sommer, der Alltag, die Hitze … was uns nicht alles beschwert und fast erdrückt. „Freuet euch der schönen Erde“ ruft Philipp Spitta uns mit diesem Lied zu. Und bestimmt tut es gut, ein Lied lang seinen sehr romantischen Blick zu teilen. Ja, trotz allem, wir sind reich beschenkt." Besser können wir es auch nicht sagen. [PW 16.8.2020]


Musik zum 9. Sonntag nach Trinitatis (9.8.2020): "Wir haben Gottes Spuren festgestellt"

"Wir haben Gottes Spuren festgestellt" steht im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 648 - poetische Bilder mit einer Melodie in Moll und einem Refrain in hellem Dur, eine Melodie von Jo Akepsimas, der aus Griechenland stammt und in Frankreich lebt. Der deutsche Text stammt aus dem Jahr 1981 von dem aus Bottrop stammenden Dominikanerpater Diethard Zils (kennen Sie ihn noch von den Beatmessen der Evangelischen Kirchentage?) und geht auf das französische "Nous avons vu les pas de notre Dieu" von Michel Scouarnec aus dem Jahr 1973  zurück. Der Text nimmt Bezug auf Zeichen und Wunder Gottes aus längst vergangnen Tagen, die bis in die Gegenwart ausstrahlen. In der 2. Strophe geht es darum, dass Gott das Volk Israel aus ägyptischer Gefangenschaft befreit hat, die zentrale Erfahrung der befreienden Kraft Gottes für das Volk Israel, die eine wesentliche Rolle im jüdischen Glauben und in der jüdischen Spiritualität (und damit auch in der christlichen Tradition) spielt: "Blühende Bäume haben wir gesehn, / wo niemand sie vermutet, / Sklaven, die durch das Wasser gehn, / das die Herren überflutet." In der 3. Strophe können wir uns an die Heilungsgeschichten Jesu erinnert fühlen (gewissermaßen als zweiten "Erinnerungspfad" an die Zeichen und Wunder Gottes): "Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz, / hörten wie Stumme sprachen, / durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz, / Strahlen die die Nacht durchbrachen." Aber es geht nicht um die Vergangenheit um der Vergangenheit willen (Refrain: "Zeichen und Wunder sahen wir geschehn / in längst vergangnen Tagen,") sondern wie diese Erfahrungen in unser jetziges Leben ausstrahlen und uns Zuversicht geben könn(t)en  - so geht der Refrain weiter: "Gott wird auch unsre Wege gehn, / uns durch das Leben tragen." Mögen wir darauf vertrauen, gerade und auch in diesen durch die Corona-Schwierigkeiten und -Einschränkungen geprägten Zeiten? [PW 9.8.2020 n]

Musik zum 8. Sonntag nach Trinitatis (2.8.2020): Erkennen Sie die Melodie?

Ihr Lieben,

nach einer kurzen Urlaubspause melden wir uns mit einem kleinen Sommer-Special zurück:

Seit 1969 wurden 153 Folgen der Quiz-Sendung: "Erkennen Sie die Melodie?" für das ZDF/ORF produziert.

Heute hören Sie die 154. Folge von uns. Haben Sie Melodie (sie steht im Evangelischen Gesangbuch) erkannt?

Schreiben Sie mir an r.scheibe@web.de.  Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir einen Wunsch-Choral.

Einsendeschluss ist der 08.08.20. Der Choral wird dann an einem der nächsten Sonntage hier zu hören sein.

Beste Grüße,

Rainer Scheibe, Trompete
Hannelore Heinsen, Orgel [2.8.2020 n]


Musik zum 6. Sonntag nach Trinitatis (19.7.2020): "Sonne der Gerechtigkeit"

"Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit" - können Sie sich das vorstellen? Wo Gerechtigkeit herrscht, wird es hell, wie wenn die Sonne scheint? Gerechtigkeit tut uns allen gut, so wie uns die wärmenden Strahlen der Sonne auf der Haut gut tun? Für alles Wachsen ist Sonne (Gerechtigkeit?) die Voraussetzung? Gerechtigkeit nicht als Nebensache unter Grundelementen unserer freiheitlichen Ordnung, sondern – wie die Sonne – Voraussetzung für wachsendes Leben? Gerechtigkeit nicht als gedankliches Konstrukt, sondern als spürbare Erfahrung? - Das ist vielleicht schon nicht leicht. Noch schwieriger ist es, zu konkretisieren, was Gerechtigkeit jetzt und heute bedeutet: Wem kann in diesen Corona-Zeiten wie mit unseren gemeinsamen (Steuer-)mitteln geholfen werden und wer muss das am Ende bezahlen? Wie gestalten wir Generationengerechtigkeit, wenn wir den Kindern einen Schuldenberg und einen erhitzten Planeten hinterlassen? Wie schaffen wir den Alten und Kranken in Heimen und Kliniken Gerechtigkeit, die nicht besucht werden dürfen? Wie schaffen wir gerechte Handelsbedingungen zwischen den Staaten des Südens und des Nordens? - Für diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten, aber welche Power für Gerechtigkeit könnte in uns entstehen, wenn wir das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ins uns wachhalten könnten wie das Bedürfnis nach den wärmenden Strahlen der Sonne?

Der Text für dieses Lied wurde um 1930 von Otto Riethmüller aus Strophen verschiedener älterer Lieder zusammengestellt und um die Zeile "Erbarm dich Herr" erweitert. Die Melodie geht auf ein weltliches Lied aus dem 15. Jahrhundert zurück, das im 16. Jahrhundert erstmals von den böhmischen Brüdern für ein Kirchenlied verwendet wurde. 1970 kam die ökumenisch orientierte 7. Strophe dazu. Die komplexe Entstehungsgeschichte und die politischen Kontexte, in denen es besondere Bedeutung hatte, sind bei Wikipedia zusammengefasst. Im Evangelischen Gesangbuch (eg) steht die ökumenische Fassung unter Nr. 262, (entsprechend im katholischen Gotteslob unter Nr. 481), die "Riethmüller"-Fassung im eg unter Nr. 263. Biblischer Impuls ist ein Vers aus dem Buch des Propheten Maleachi 3,20: "Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber." (Lutherübersetzung 2017)

So, jetzt der Sommertipp: Rausgehen, Sonne spüren, nach Gerechtigkeit dürsten und springen wie die Mastkälber - letzteres vielleicht nicht direkt in der Fußgängerzone in der Bochumer Innenstadt :-)  
[PW  19.7.2020 n]

Musik zum 5. Sonntag nach Trinitatis (12.7.2020): "Herr, wir bitten: Komm und segne uns" (eg 607)

Kennen Sie das auch? In manchen Situationen bekommen wir alles hin, fühlen uns kompetent und stark. In anderen Situationen fühlen wir uns klein und unsicher und zweifeln, ob wir die gestellten Aufgaben gut lösen können. Menschen in der biblischen Tradition stellen sich unter den Segen Gottes, d.h. sie vertrauen sich seiner Kraft und Führung an. Sich unter den Segen Gottes stellen, kann auch uns verändern: Wenn wir wahrnehmen, dass wir nicht alles aus eigener Kraft und Macht tun können, hilft das gegen Selbstüberschätzung. Andererseits kann uns das Zuversicht geben, wenn die eigenen Kräften nicht ausreichen – und sie müssen auch nicht ausreichen.

Der christliche Glaube ist kein Wellness-Angebot nur für die eigene Seele und es ist kein Selbstoptimierungstool. Jesus hat seine Nachfolgerinnen und Nachfolger (was etwas anderes ist als passive "follower") mit einem konkreten Auftrag losgeschickt: So in der Welt zu wirken, dass schon in der Gegenwart etwas von Gottes gutem Himmelreich sichtbar wird. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass das auch in konflikthafte Situationen führt: "In den Streit der Welt /  hast du uns gestellt, / deinen Frieden zu verkünden". Gerade dann gilt: "Segnend halte Hände über uns. Rühr uns an mit deiner Kraft." Text und Melodie dieses Liedes stammen von Peter Strauch. Es findet sich im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 607. [PW 12.7.2020 n]


Musik zum 4. Sonntag nach Trinitatis (5.7.2020): "What a wonderful world"

"What a wonderful world" von George David Weiss (Melodie) und Bob Thiele (Text), heute gefilmt aus luftiger Perspektive und gespielt mitten in einem Bochumer Kornfeld an einem sommerlichen Tag: Da lässt sich nachfühlen, dass die Welt schön sein kann. Rainer Scheibe (Trompete, unterstützt durch Hannelore Heinsen am Klavier) nimmt den Faden, den er mit "Morgenlicht leuchtet" / "Morning has broken" am 14.6. (siehe unten) gesponnen hat, wieder auf: Die schönen Seiten der Schöpfung in Natur und menschlichem Miteinander wahrnehmen, darüber staunen und sich daran freuen - diesmal als Impuls aus einem weltlichen "Schlager". Louis Armstrong (haben sie seine wunderbare Stimme in diesem Song auch im Ohr?) hat dieses Lied 1967 im Fernsehen und am 1. Januar 1968 als Single veröffentlicht (liebe jüngere Menschen: "Single" meint nicht Louis Amstrongs Familienstatus, sondern war ein kleiner runder Tonträger, auf dessen Vorder- und Rückseite jeweils nur ein Lied passte). Das war in der Zeit der Bürgerrechtsproteste und Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den USA. Es waren also auch damals keine harmonischen Zeiten. Insofern können wir annehmen, dass das Lied keine verkitsche Verdrängung einer auch manchmal zwiespältigen Realität sein sollte, kein Selbstbetrug als Flucht vor der Realität. Sondern wirbt für einen Blick auf die Realität, der auch das Schöne und Gute wahrnimmt. Und das ist sicher gesund - auch für die Seele. In diesem Sinne: Machen Sie einen Spaziergang und die Augen auf: "I see trees of green, red roses too. I see them bloom for me and you, and I think to myself: What a wonderful world.” - „Ich sehe grüne Bäume, auch rote Rosen. Ich sehe sie blühen für mich und dich, und ich denke mir: Was für eine wundervolle Welt.“ Vielleicht führt Sie der Spaziergang zum ersten Freiiluftgottesdienst heute, am 5.7.2020 um 11 Uhr an der Lutherkirche. Dort können Sie Rainer Scheibe auch live hören.  [PW  5.7.2020]

Musik zum 3. Sonntag nach Trinitatis: "Möge uns die Straße zusammenführen"

Mitten in dieser besonderen Corona-Zeit eine weitere besondere Zeit: die Sommerferien beginnen. Passend dazu haben Rainer Scheibe und Hannelore Heinsen den Irischen Segen "Möge die Straße uns zusammenführen ..." als Reisesegen eingespielt. Viele von uns können in diesem Sommer nicht so verreisen, wie sie es vor einem halben oder einem Jahr geplant waren. Viele bleiben zu Hause und erkunden die Gegend. Andere hätten auch dann nicht wegfahren können, wenn es kein Corona-Virus gäbe. Wieder andere fahren zum geplanten Urlaubsziel, sind aber unsicher, wie es werden wird: Wird es ein ungezwungener und entspannter Urlaub? Oder werden wir doch Angst haben, uns anzustecken oder in Quarantäne zu kommen? Viele Unsicherheiten in diesem Sommer - wir wünschen uns Sicherheit, die es in diesem Sommer nicht geben wird. In aller Unsicherheit stellen wir uns unter Gottes Schutz und vertrauen darauf, dass er versprochen hat, auf unseren Wegen mit uns zu sein - wie die Wege auch sind, und wo wir auch sind: In Bochum oder anderswo. Und - wenn Sie mögen - wünschen wir uns gegenseitig (passend in Corona-Zeiten), dass die Straße uns (wieder) zusammenführen möge und dass wir uns wiedersehn - und uns Gott bis dahin in seiner Hand hält. [PW 28.6.2020 n]


Musik zu Mittsommer (21.6.2020): "Funky walkin'002"

Der 21.6.2020 ist nicht nur der 2. Sonntag nach Trinitatis, sondern auch Mittsommer - der längste Tag des Jahres. Für unsere skandinavischen Nachbarn ein großes Fest! Wie sie das wohl dieses Jahr mit Abstand feiern? Und wir begehen den Sommeranfang. Rainer Scheibe Scheibe hat uns für diesen Tag ein besonderes Special geschickt - "Funky walkin" mit vier Trompeten und ohne Masken und ohne Abstand in der Lutherkirche am Stadtpark! Bevor Sie das Ordnungsamt anrufen: Schauen Sie erstmal rein! "Har det bra!", hat uns Rainer geschrieben. Wenn Google das richtig übersetzt hat, heisst das soviel wie: "Lass es dir gutgehen!" [PW  21./23.6.2020]

Musik zum 2. Sonntag nach Trinitatis: "Danke für diesen guten Morgen" (EG Nr. 334)

Text und Melodie zu "Danke für diesen guten Morgen" (Evangelisches Gesangbuch Nr. 334) stammen von Martin Gotthard Schneider aus dem Jahr 1961. Das Lied wurde sehr populär und landete 1963 sogar in den deutschen Single-Charts. Es wurde, sagen wir: kontrovers aufgenommen und auch verballhornt bzw. satirisch bearbeitet [Überblick bei Wikipedia]. Sei's drum.

Dankbarkeit hat wie alle großen Gefühle viele Facetten: Oft ein starkes und schönes Gefühl: "Ich bin beschenkt". Manchmal ist es allerdings auch schwierig, Dankbarkeit zu empfinden, insbesondere, wenn sie als Verpflichtung an uns herangetragen wird: "Du musst (eigentlich) dankbar sein!". Oder: "Du musst mir dankbar sein." Die erste Facette macht uns groß und kann uns ein Gefühl der Verbindung mit der oder dem Schenkenden oder unserer Umwelt, vielleicht auch mit Gott, schaffen. Die zweite Facette macht uns klein. Vielleicht fällt es deshalb vielen von uns auch schwer, Geschenke anzunehmen. Zur ersten Facette ein kleines Experiment, dass uns im letzten Sommer aus dem Internet zugeflogen ist: "Stecken Sie sich morgens eine Handvoll roher Erbsen in die linke Hosen- oder Jackentasche. Immer, wenn sie tagsüber irgendetwas Gutes erleben - und sei es nur eine Kleinigkeit -, nehmen sie eine Erbse und stecken sie in die rechte Tasche. " [zu finden zum Beispiel hier, manchmal gibt es die Geschichte auch mit Bohnen]. Wir sind natürlich nicht wirklich mit Erbsen in der Jackentasche herumgelaufen, haben uns aber immer wieder über den Tag gesagt: "Oh, jetzt müsste ich eigentlich schon wieder eine Erbse in die andere Jackentasche stecken!" So wurde unsere Aufmerksamkeit geschärft für das viele Schöne, was wir verdanken und nicht selber schaffen können - und auch nicht schaffen müssen. Eine gute Form der Dankbarkeit, die auch uns selbst verändert hat – und den entlastenden Blick dafür ermöglich, dass wir nicht alles selber machen müssen, weil wir Gotteskinder sind und Gottes Liebe zu uns nichts erschüttern kann und nicht verdient werden muss. Es ist wirklich Zufall, aber das neue "Mutmachbanner" von Dorothee Schäfer und Holger Nollmann aus dem Q1 mit einem Zitat von Desmond Tutu passt super dazu, das seit gestern online ist: Schauen Sie hier. Und singen Sie das "Danke für diesen guten Morgen" nicht nur mit einem sentimentalen Gedenken an Kindergottesdienste und Jugendzeltlager, sondern als Einladung zum Wechsel der Blickrichtung - wieder zur Musik von Hannelore Heinsen (Orgel) und Rainer Scheibe (Orgel) - diesmal ziemlich fetzig.


Musik zum 1. Sonntag nach Trinitatis (14.6.2020): "Morgenlicht leuchtet"

"Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang" - viele von Ihnen werden zuerst mit der englischen Fassung "Morning has broken" in Kontakt gekommen sein, die 1971 von Cat Stevens veröffentlicht wurde. Da war der Text schon 40 Jahre alt, die Melodie geht auf ein noch älteres gälisches Weihnachtslied zurück. Die deutsche Fassung von Jürgen Henkys (1987/1990) fand Eingang in das Evangelische Gesangbuch (Nr. 455). Viele von uns fallen beim Singen in die englische Fassung, die Parties und Lagerfeuer begleitet hat - unsere instrumentale Fassung (Hannelore Heinsen an der Orgel, Rainer Scheibe an der Trompete) funktioniert in beiden Sprachen. "Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt"  - überschäumende Freude an der Schöpfung und überschwänglicher Dank an den Schöpfer anhand von Bildern, die wir in Gärten, Parks und Schrebergärten auch hier in Bochum sehen können ("Dank für die Spuren Gottes im Garten / grünende Frische, vollkommnes Blau") - Leicht können wir das in die Kitsch- und Rührschublade schieben. Aber es kann auch eine Einladung zum Perspektivwechsel sein: Mit Augen, Ohren und allen Sinnen die Schönheit der Natur wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein - das kann auch in uns selbst das Morgenlicht leuchten lassen und die mürrische innere Dunkelheit wenigsten etwas beiseite schieben. - Und augenzwinkernd für die Morgenmuffel, denen das schwerfällt: Das Lied der Amsel ist auch abends noch einmal zu hören - und das Abendlicht auch ganz besonders! [PW  14.6.2020]

Musik am Fronleichnamstag: "Geh aus mein Herz und suche Freud" (EG Nr. 503)

Fronleichnam, ein katholisches Hochfest, mit dem "die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird." Uns Evangelischen ist statt Eucharistie eher der Begriff "Abendmahl" vertraut. Unsere katholische Schwestergemeinde, die Propsteipfarrei St. Peter und Paul, begeht die Fronleichnamsprozession seit vielen Jahren in ökumenischer Verbundenheit auch mit einer Station an der Pauluskirche, die von Menschen aus unserer Gemeinde gestaltet wird. Die Station an der Pauluskirche gibt es auch dieses Jahr, auch wenn die Prozession dieses Jahr wegen Corona ganz anders abläuft [Infos auf der Webseite der Propsteipfarrei, Zugriff 10.6.2020]. Rainer Scheibe begrüßt dort die Prozession mit der Trompete. Für die Webseite hat er - da es natürlich im evangelischen Gesangbuch keine Fronleichnamschoräle gibt - gemeinsam mit Hannelore Heinsen an der Orgel DEN Sommerchoral von Paul Gerhardt "Geh aus mein Herz und suche Freud" (Evangelisches Gesangbuch Nr. 503) mit maximalem Ohrwurmpotential eingespielt. Paul Gerhardt hat eine fast kindlich-naive begeisterte Naturbeobachtung mit seinen Wünschen für Glauben und Leben verknüpft. Auf dem Hintergrund seiner persönlichen Schicksalsschläge (auf dieser Seite schon bei anderen Chorälen angedeutet) und der schweren Lebenssituation nach dem dreißigjährigen Krieg ist die scheinbar unbefangene Sommer- und Glaubensfreude doppelt berührend. Singen Sie die 15 Strophen aus dem Gesangbuch mit?


Musik zum Sonntag Trinitatis (7.6.2020): "We shall overcome"

"We shall overcome" - wir werden überwinden: Hass, Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung. Das Protestlied der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung enthält auch Mutmach- und Hoffnungstöne: "Deep in my heart, I do believe: we shall overcome some day." - auch wenn uns diese Hoffnungstöne vielleicht im Moment eher im Hals steckenbleiben. Der Blick auf Ereignisse in der Welt soll uns aber nicht davon ablenken, dass es Rassismus auch in Deutschland gibt - in subtiler Form auch in unserem Zusammenleben, auch in Bochum. „Und jetzt kehren wir mal vor unserer eigenen Haustür", hat Kanzlerin Merkel gerade gesagt. Wir könnten uns auch auf das Jesuswort in Matthäus 7,3 (Sie wissen schon: die Sache mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge) beziehen. Vielleicht dringt uns die berührende Musik, gespielt von Rainer Scheibe (Trompete) und Hannelore Heinsen (Orgel), ins Herz und gibt uns bei passender Gelegenheit Kraft, dem subtilen Alltagsrassismus entgegenzutreten?

Musik zum Pfingstmontag: O komm, du Geist der Wahrheit

"O komm, du Geist der Wahrheit!" - Liegt Ihnen dieser Stossseufzer auch auf den Lippen, wenn Sie in diesen Zeiten manch skurrile Deutung der Pandemie-Situation hören, wenn Sie dieser Tage mit Verschwörungstheorien konfrontiert werden? Spontan möchte man sich dieser pfingstlichen Bitte anschliessen. Pfingsten feiern wir die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Jünger Jesu und die Zusage der bleibenden Gegenwart der Geistkraft Gottes. Philipp Spitta, der dies Lied (Evangelisches Gesangbuch Nr. 136) wohl zu Pfingsten 1827 in Lüneburg schrieb, sieht die Christen in einer feindlichen Umwelt und in "glaubensarmer Zeit". Den Text des Liedes können Sie z.B. bei Wikipedia nachlesen: Ein (vielleicht bis auf die erste und letzte Strophe) recht emotionaler und teilweise martialischer Ton (Beispiel: Strophe 3: "Unglaub und Torheit brüsten / sich frecher jetzt als je; / darum musst du uns rüsten / mit Waffen aus der Höh"). Sehen wir die Situation von Christinnen und Christen auch heute so? Ist das der Ansatz, mit dem wir heute Gottes Geistkraft in dieser Welt nachspüren wollen? - Wer damit seine Schwierigkeiten hat, mag (a) die wunderschöne Musik, gespielt von Rainer Scheibe an der Trompete und Hannelore Heinsen an der Orgel, auch ohne Text geniessen und (b) in dem (entgegengesetzten) Gedanken Trost finden, wie er in der Pfingstandacht 2020 des Michaelisklosters Hildesheim formuliert ist: "Ruach [Hebräisch für "Geist", die Redaktion] allerdings baut uns kein Haus gegen die Angst, schmiedet uns keine Rüstung. Sie ist Feuer und Wind. Ist Liebe. Die hilft in der Angst und durch sie hindurch."


Musik zum Pfingstsonntag: Persichetti, Kagel und Rachmaninoff

Trompeter Rainer Scheibe freut sich: "Endlich! Endlich darf ich wieder live in einem Gottesdienst spielen, am Pfingst-Sonntag um 10:30  Uhr in der Kirche in Bochum-Eppendorf. Die Musik, die ich dort analog und live spiele, gibt es hier auch digital."

Parabel für Trompete solo von Vincent Persichetti

"Unwirklich, surreal, gespenstig, spooky", so erläutert Rainer Scheibe dieses Werk: "Ein vortreffliches Werk, das als Parabel die Zeit, die wir gerade durchleben, widerspiegelt."

Old/New von Mauricio Kagel

Rainer Scheibe gibt einen Vorgeschmack zu diesem Stück: "Alt/Neu. Eigentlich ist alles wie immer. Und doch ganz neu.
Altes und Neues wechselt bei M. Kagel sehr schnell. "Old" erinnert an die Musik seiner Kindheit, den Jazz. "New" - einfach nur Kagel."

Vokalise von S. Rachmaninoff

Rainer Scheibe schreibt uns dazu: "Vokalisen sind Lieder ohne Worte. Felix Mendelssohn-Bartholdy schuf daraus eine eigene Musikgattung. Rachmaninoff schrieb die bekannteste Vokalise, und zwar für die Sängerin A. Neschdanowa. In dem Gottesdienst zu Pfingsten darf nicht gesungen, sondern nur leise mitgesummt werden. Eine Corona-Vokalise?"


Musik zum Sonntag "Exaudi" (24.5.2020): "Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne"

"Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne", ein fröhliches Morgenlied mit dem Text des (damals 22jährigen) Philipp von Zesen von 1641 und der Melodie von Johann Georg Ahle (1671) steht im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 444. Von Zesen war damals einer der Autoren, der der deutschen Sprache kulturell zum Durchbruch verhelfen wollte.
"Kommt, lasset uns singen, / die Stimmen erschwingen" (Strophe 3) funktioniert im Moment leider nicht gemeinsam - zu weit fliegen die möglicherweise gefährlichen Aerosol-Tröpfchen.
Bei Strophe 5 dürfen wir (auch wenn es ursprünglich sicher anders gemeint war) an die Menschen denken, die in Bochum und anderswo zurzeit mitten in den Abi-Prüfungen stecken. Und an die Studis und Lehrenden an der Ruhr-Uni und anderen Hochschulen, die mit einem "digitalen Semester" zurecht kommen müssen: "In meinem Studieren wird er mich wohl führen / und bleiben bei mir, / wird schärfen die Sinnen / zu meinem Beginnen / und öffnen die Tür." Euch und Ihnen allen: Viel Erfolg!
Falls Ihnen nicht nach naiver Freude über die Morgensonne ist, sondern eher Sorgen auf der Brust liegen, probieren Sie den (vielleicht auch naiven) Text des Liedermachers Gerhard Schöne - ein etwas anderer sprachlicher Ton für den Beginn des Tages. Das Schöne an der Musik von R. Scheibe und  H. Heinsen aus der Bartholomäuskirche in Lütgendortmund: Ganz verschiedene Texte und Gedanken dürfen sich in die Musik hineinweben!

Musik zu Himmelfahrt (21.5.2020): "Jesus Christus herrscht als König" (eg 123)

"Jesus Christus herrscht als König" - den Text aus dem Jahr 1757 dichtete Philipp Friedrich Stiller, Pfarrer und bedeutender Dichter des schwäbischen Pietismus. Die Melodie stammt von dem Lied "Alles ist an Gottes Segen" (eg 252). Dort findet sich die Herkunftsangabe "Melodie Johann Löhner 1691, bei Johann Adam Hiller 1793". Da die Königsherrschaft Christi seit dem vorletzten Jahrhundert mit Christi Himmelfahrt verbunden wurde, landete das Lied im Gesangbuch bei den Himmelfahrtsliedern. Jesus als prächtiger Herrscher nicht nur über die himmlischen Mächte und Gewalten, sondern auch über die Irdischen, mit Thron und allem Drum und Dran – das mag uns etwas fremd erscheinen. Wir haben dieses Stück für Himmelfahrt erst nachträglich in der Zeit zwischen Palmsonntag und Karfreitag bei Himmelfahrt eingefügt, um das Kirchenjahr "etwas abzurunden". Gerade am Palmsonntag haben wir bedacht, wie Jesus auf einem Esel, nicht auf einem prächtigen Schlachtross mit Gefolge, in Jerusalem eingezogen ist. Eine Königsherrschaft, die so garnichts zu tun hat mit der Machtdemonstration weltlicher Herrscher. Und am bevorstehenden Karfreitag erleben wir, wie sich Gott in Jesus verletzlich macht. Wagen wir einen Gedanken: Was bedeutet es für unsere weltlichen Regenten, wenn wir Jesus, der immer an der Seite der Ohnmächtigen und Ausgegrenzten war, als den ansehen, der  "alles in den Händen hat" (Strophe 4)? Dann ist dies auch eine kritische Stimme gegen weltliche Monarchen und dies Lied bekommt eine fast subversive Drehung. Und schließlich: Der Herrscher, der hier gefeiert wird, ist der gleiche Jesus von Nazareth, der sich den Schwachen und Hilfsbedürftigen zugewandt hat.

Den Text der 11 Strophen im Gesangbuch finden Sie hier (ursprünglich hat Spiller 26 gedichtet).

Verbindung durch Musik schaffen – das ist eines der Ziele dieser Trompeten-Orgel-Musik-Reihe. Dies gelingt dieses Mal auf besondere Weise: Hannelore Heinsen (Orgel) verrät: "Die Komponistin der Orgelstrophe bei dieser Einspielung ist Henriette Fobbe. Sie hat als Zahnärztin im Hauptberuf ihre Orgelleidenschaft und ihren Einfallsreichtum in der Darstellung von Chorälen entdeckt und mir ihre Orgelstrophe überlassen." - Vielen Dank an Frau Fobbe, und schön, dass die Musizierenden und wir alle über Ihre Musik mit Ihnen verbunden sein können!


Musik zu Himmelfahrt: Enrico Pasini: Cantabile No. 20 "Un dialogo nella notte" (live 2015 in der Lutherkirche)

Rainer Scheibe (Trompete) und Gerald Gatawis spielen Cantabile No. 20 "Un dialogo nella notte" ("Ein Dialog in der Nacht") von Enrico Pasini - aufgenommen 2015 in der Lutherkirche. Die Musik wurde damals auch live vom WDR mitgeschnitten.


Musik zum Sonntag "Rogate" (17.5.2020): "Gelobt sei Gott im höchsten Thron" und "Christ ist erstanden"

Der Sonntag "Rogate" ("Betet!") liegt mitten in der Osterzeit, oder in der Sprache der Liturgiker und Liturgikerinnen: "Österlichen Freudenzeit". Die geht von Ostern bis Pfingsten. Gerade in den jetzigen, manchmal auch stimmungsmäßig trüben Tagen, tut es vielen von uns gut, Ostern und Jesu Auferstehung nach dem langen Osterwochenende nicht so schnell aus dem Blick zu verlieren. Immerhin lenkt Gott lenkt unseren Blick auf eine Realität jenseits von Tod und Erstarrung. Rainer Scheibe hat deshalb zwei Osterlieder mitgebracht - eingespielt in ökumenischer Verbundenheit. Er schreibt uns dazu: "Die Musik für den nächsten Sonntag kommt diesmal aus der direkten Nachbarschaft. Ich habe Christopher Brauckmann in der Propsteikirche in Bochum besucht. Christopher ist dort seit letztem Jahr der Kantor und hat frischen Wind nicht nur in die Orgelpfeifen gebracht. Wir haben zwei Choräle eingespielt. Hier hat Christopher Improvisationen auf der Orgel eingebracht, die die aktuelle Corona-Lage im Hintergrund widerspiegeln, während ich mit der Trompete die Choralmelodien darüberlegte. Ein Zusammenspiel, dass uns sehr gefallen hat. Für mich eine neue musikalische Freundschaft, die ich nicht mehr missen möchte."

Propsteikirche Bochum mit Orgelempore

Foto: Rainer Scheibe

"Gelobt sei Gott im höchsten Thron"

"Gelobt sei Gott im höchsten Thron" steht im evangelischen Gesangbuch unter Nr. 103, im katholischen Gotteslob unter Nr. 328. Der Text stammt von Michael Weiße (1531), die Melodie von Melchior Vulpius (1609). Wer zusätzlich zum Osterbezug auch einen Bezug zum Thema des Sonntags "Beten" sucht: In der fünften Strophe (Gotteslob: 6. Strophe) heisst es: "Nun bitten wir Dich, Jesu Christ, weil Du vom Tod erstanden bist, verleihe, was uns selig ist!" Selig - ein altes Wort, schon früh von der Kirche okkupiert. Was spricht dagegen, jenseits theologischer Deutungen heute in der "Duden-Synonymwolke" bei "selig" mal nicht auf die Bedeutungszusammenhänge "im Himmel/Paradies, gestorben, alkoholisiert" zu schauen, sondern auf "begeistert, beglückt, entzückt, erfreut, freudestrahlend, freudig, froh [gestimmt], fröhlich, glücklich, glückselig, glückstrahlend, heiter, sonnig, voll Freude, [von Glück] erfüllt; (gehoben) beseelt, beseligt, freudvoll, frohgemut, frohmütig, hochgestimmt, (umgangssprachlich) happy, im siebten Himmel; high" - Das fröhliche "Halleluja" am Ende der Strophen legt jedenfalls diesen Blick nahe.

"Christ ist erstanden"

"Christ ist erstanden" - falls Sie schon Ostermontag diese musikalische Reihe verfolgt haben, erinnern Sie sich vielleicht: Das hatten wir schon einmal - heute aber ganz anders interpretiert. Vergleichen Sie beide Versionen und erfreuen Sie sich heute auch an der Version, die Sie hier hören können. Für die katholischen Geschwister sei nachgetragen: Das Lied steht im Gotteslob unter Nr. 318/319 - mit einer Strophe mehr als im Evangelischen Gesangbuch. 


Musik zum Sonntag "Kantate" (10.5.2020): "Du meine Seele singe"

"Kantate" heißt übersetzt: "Singet!" Der Name geht zurück auf den Beginn des 98. Psalms: "Singt dem Herrn ein neues Lied!" / "Cantate Domine canticum novum!" - Wenn wir heute zusammen Gottesdienst feiern könnten, würde es sicher das eine oder andere musikalische Highlight oder einen musikalischen "Herzenswärmer" gegeben. Passend dazu hat Rainer Scheibe den Choral "Du meine Seele singe" von Paul Gerhardt (Text) und Johann Georg Ebeling (Melodie) ausgesucht. Besonders berührend ist dieses fröhliche Lied, wenn man weiss, dass Paul Gerhardt auch das Elend intensiv erlebt hat: Drei von vier Kindern früh und die erste Ehefrau nach 13 Jahren Ehe verstorben. Die Folgen des dreissigjährigen Krieges am eigenen Leibe erlebt. Bei der Version hier auf der Webseite ist inspirierend: Die Mehrstimmigkeit, besonders markant in der zweiten Strophe, verstärkt die "Tiefenwirkung" der Musik. Ja, Vielstimmigkeit ist schön! Freuen wir uns, wenn wir irgendwann auch wieder direkter ins Gespräch kommen können und die Vielstimmigkeit in unseren Lebenszusammenhängen, auch in unseren Gemeinden, wieder intensiver spüren können.

Musik zum Sonntag "Kantate" (10.5.2020): Bonus-Track: "Ins Wasser fällt ein Stein"

"Kantate" - eigentlich ein sehr "singe-intensiver" Sonntag. Deshalb hat Rainer Scheibe noch einen Bonus-Track/eine Zugabe geschickt: "Ins Wasser fällt ein Stein" (Evangelisches Gesangbuch Nr. 659; Text: Manfred Siebald (1973) nach dem englischen "Pass it on"; Melodie Kurt Kaiser  (1965) 1969). Es ist auch schon fast 50 Jahre alt, aber nach kirchlichen Maßstäben noch ein "modernes" Lied :-) - Gestern war klasse Wetter, und viele Menschen an Ruhr und Kemnader oder Ümminger See unterwegs - viele mit Abstand. Ob wohl der eine oder die andere ausprobiert hat, ob der Stein wirklich "heimlich, still und leise" ins Wasser fällt?

Musik zum Sonntag "Jubilate" (3.5.2020): "In dir ist Freude in allem Leide"

Die Melodie zu dem Choral "In dir ist Freude in allem Leide" beruht auf einem italienischen weltlichen Tanzlied aus dem 16. Jahrhundert, in dem es um Amor, den römischen Gott der Liebe ging. Der Komponist ist Giovanni Giacomo Gastoldi, der es 1591 komponiert hat. 1598 wird das Lied vom Thüringer Pfarrer Cyriakus Schneegaß mit einem geistlichen Text unterlegt, so steht es im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 398). Andere Quellen schreiben den Text Johannes Lindemann zu. - Statt um den heidnischen Gott der Liebe geht es nun um den liebenden Gott der Christen. "Aus dem Herzensbrecher, der mit der Liebe und seinen Opfern Scherz treibt, wird der Tröster, der gebrochene Herzen heilt. Der uns kein fröhliches Leben ohne Leid verspricht. Aber der uns selbst im Tod voller Güte die Treue hält.", so schreibt Susanne Schart über diesen Choral. - Heute bedrängt uns das Corona-Virus, im 16. Jahrhundert wütete die Pest. Heute wie damals: Das Leid wird nicht ausgeblendet, aber wir sind ermutigt, die Freude in den Blick zu nehmen - die beschwingte Musik (gespielt wieder von Hannelore Heinsen, Orgel, und Rainer Scheibe, Trompete) lädt gerade dazu ein. Auch diejenigen, die die Sprache des 16. Jahrhunderts befremdlich finden. Passend zum Namen  des heutigen Sonntags: "Jubilate!" - "Jubelt!" Falls Sie sich in beim Choral der letzten Woche (siehe unten) noch nicht zum Tanzen aufraffen konnten: Hier ist die nächste Chance!


Musik zum Sonntag "Misericordias domini" (26.4.2020): Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (EG 673)

"Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe" - dieses Lied von Hans-Jürgen Netz (Text) und Christoph Lehmann (Melodie) stammt aus dem Jahr 1979, aber es passt in die Situation 2020. So heisst es in Strophe 3: "Ich lobe meinen Gott, der meine Angst vertreibt, damit ich atme" - fast möchte man hinzufügen: "atme - trotz Maske". Perspektiven finden oder gezeigt bekommen, die über diese Tage hinausweisen: Das wäre schön! So wie es in Strophe 2 heisst: "Ich lobe meinen Gott, der mir den neuen Weg weist, damit ich handle ...". Vielleicht ist es mal eine Idee, über das Lob Gottes neue Blickrichtungen zu entdecken. Apropos Änderung der Blickrichtung:  Wir kennen das "Ehre sei Gott in der Höhe" aus der Weihnachtsgeschichte und als Gloria in unseren Gottesdiensten. In diesem Lied heisst es im Refrain: "Ehre sei Gott auf der Erde, in allen Häusern und Straßen". - Und es ist  "Gute-Laune-Musik!", so hat Trompeter Rainer Scheibe das Stück angekündigt. Und entsprechend swingend spielt er es auch, gemeinsam mit der Dortmunder Organistin Hannelore Heinsen. Mitsingen gefällig? Evangelisches Gesangbuch Nr. 673 oder katholisches Gotteslob Nr. 383. Und zuhause geht auch, was in der Kirchenbank nicht oder nur schlecht geht: Tanzen!

Musik zum Sonntag "Quasimodogeniti" (19.4.2020): Etude No.2 von Théo Charlier

Rainer Scheibe spielt die Etude No. 2 von Théo Charlier für Trompete in der Bochumer Lutherkirche am Stadtpark. Filmisch hat er sie mit Impressionen aus der und um die Lutherkirche unterlegt.


Musik zum Ostermontag (13.4.2020): "Die güldne Sonne voll Freud und Wonne ..." (EG 449)

Ein sommerliches, eher fröhlich beginnendes Morgen- und Schöpfungslied - passt das in diese Zeit? In der ersten Strophe heisst es: "Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder, aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht." Für viele von uns beschreibt das ganz gewiss nicht unsere aktuelle Situation. Aber vielleicht ist es ermutigend, den Blick hinter die "darniederliegenden Glieder" zu richten und "den Himmel zu schauen". Wie aktuell der zu diesem Lied aus dem Jahr 1666 stammende Text von Paul Gerhardt in die Zeit passt, liest man fast schon schaudernd in Strophe 7: "Menschliches Wesen, was ist's gewesen?/ In einer Stunde / geht es zu Grunde, / Sobald das Lüftlein des Todes drein bläst." So ist beides in diesem Lied: Ein realistischer, manchmal dunkler Blick auf die Situation und ein Lobpreis des Schöpfers. Falls Ihnen die Gedankenwelt des Textes fremd ist - geniessen Sie einfach die Musik. Den vollständigen Text finden Sie hier (externer Link).

Musik zum Ostersonntag (12.4.2020): "Christ ist erstanden ..." (EG 99)

Das Osterlied "Christ ist erstanden" ist vermutlich der älteste erhaltene liturgische Gesang in deutscher Sprache und stammt aus dem 11. Jahrhundert. Martin Luther schrieb in den "Tischreden" über das Lied: „Aller Lieder singet man sich mit der zeit müde/ Aber das Christus ist erstanden/ mus man alle jar wider singen“. Vielleicht besonders in diesem Jahr: Die Osterbotschaft sagt (auch): Es gibt eine Perspektive über Tod und Dunkelheit hinaus. Immer wieder war es Theologinnen und Theologen wichtig, dies nicht als Perspektive für das Jenseits zu verstehen. Wie übersetzen wir die Erfahrung der Auferstehung in unsere jetzige Lebenssituation? Das ist eine der zentralen Osterfragen. Text und Noten zum Lied finden Sie auch hier (externer Link).


Musik zum Karfreitag (10.4.2020): "Bewahre uns Gott, behüte uns Gott ..." (EG 171)

Ein Lied mit der Bitte um Gottes Segen und Bewahrung - das passt an diesem besonderen Karfreitag. Es passt zum Gedenken an das Sterben Jesu, aber auch zu den Sorgen und Befürchtungen, die viele Menschen im Moment bewegen.  Es spielen: Rainer Scheibe (Trompete) und Hannelore Heinsen (Orgel). Die Melodie stammt von Anders Ruuth (La paz del Senor). Den Liedtext von Eugen Eckert können Sie auch hier (externer Link)  finden, ergänzt durch Erläuterungen zum Liedtext.

Musik zum Gründonnerstag (9.4.2020): "Wenn das Brot, das wir teilen ..." (EG 667)

Am Gründonnerstag erinnern wir uns normalerweise bei einer gemeinsamen Mahlfeier, dass Jesus mit seinen Jüngern zu Tisch gesessen hat und Gemeinschaft und Abschied gefeiert hat, in der Nacht, da er verraten ward. Wenn wir uns dieses Jahr nicht um den Tisch versammeln können, kann dieses Lied vielleicht ein kleiner Impuls sein, uns an unsere Verbundenheit und Hoffnung zu erinnern. Es spielen: Rainer Scheibe (Trompete) und Hannelore Heinsen (Orgel). Die Melodie stammt von Kurt Grahl. Den Liedtext können Sie auch hier (externer Link)  finden.


Musik zum Palmsonntag (5.4.2020): "For You" von Enrico Pasini

Rainer Scheibe (Trompete) und Gerald Gatawis (Orgel) spielen das Cantabile "For You" (1937) zum Palmsonntag 2020.

"Von guten Mächten treu und still umgeben" (EG 652)

Von guten Mächten treu und still umgeben" (Evangelisches Gesangbuch Nr. 652) - ein Mutmachimpuls in Zeiten, wo wir uns Gottes Zuwendung und Bei-uns-sein nicht in physischer Gemeinschaft gegenseitig zusprechen können. Und schöne Musik, gespielt von Rainer Scheibe (Trompete) und Hannelore Heinsen (Orgel). Text: Dietrich Bonhoeffer. Melodie: Siegfried Fietz.